Garantiert Gänsehautfrei.

Wir leben in Zeiten, in denen sich alles ändert. Echt? Unser Autor erzählt von Dingen, die ihm bleiben. Heute: Eine Handvoll Musik für die Ewigkeit
alf-frommer
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Illustration: Julia Schubert



Zu den schlimmsten Phrasen des Casting-Wesens gehört: „Bei deinem Auftritt habe ich echt Gänsehaut bekommen.“ Meistens streicht sich der jeweilige Juror dann mit großer Geste über die eigene Haut, um augenscheinlich zu demonstrieren, wie toll ihm die gefühlt 10 Millionste Cover-Version eines Rihanna-Songs gefallen hat. Das Casting-Shows auch nur noch schlechte Cover-Versionen ihrer selbst sind, wird dabei natürlich nicht erwähnt. Vor allem sind sie nur noch Geräusch ohne Gänsehautgarantie.   Musik ist normalerweise etwas sehr emotionales. Auch für mich. Ich möchte nicht so weit gehen, wie die bemitleidenswerten Teilnehmer von „The Voice of DSDS mit dem X-Factor“: „Musik ist mein Leben.“ Übrigens die zweitschlimmste Phrase, die es gibt.

Aber: Musik gehört zu meinem Leben, wie bei vielen anderen Menschen auch. Mal intensiv in sich saugend auf einer Tanzfläche in einem Club oder mal hintergründig als Sound-Wolke bei der Arbeit. Musik ist einfach da. Sie begleitet einem im MP3-Player überallhin: auf dem Weg zur Arbeit, bei der Vorbereitung von Sex, beim Sex, nach dem Sex oder dann wenn man wieder mal alleine ist und Sex meilenweit entfernt ist. Ein Soundtrack voller Höhen und Tiefen.  

Heute kann man immer die Musik hören, die man will. Internet-Seiten bieten einem die Möglichkeit an, sich Streams mit seinen Lieblingstiteln und Videos zusammenzustellen. Ständig bekommt man Vorschläge: Wenn dir „Monsters of Monsters“ gefällt, könnte dir auch „Bitchhikers from Hell“ gefallen. Eigentlich super. Ab und an fehlen mir aber die Überraschungsmomente. Denn die gehören zu meiner Art der Musik-Ekstase dazu: Das Musikvideo, das bei MTV zufällig anfing und einen urplötzlich in den Bann zog. Der DJ, der einen genialen Song auflegt. Oder die neue CD, die der Kumpel im Auto spielen lässt. Das ist ja auch nicht vorbei. Im Gegenteil. Bei mir gehört dieser Moment des ersten Hörens untrennbar dazu. Ähnlich wie beim ersten Kuss mit einer Frau, die man lange begehrte. Das Herz schlägt schneller, es wird heiß und dann wieder kalt. Und dann wieder heiß. Meine Füße wippen hektisch mit. Die linke Hirnhälfte schreit: JAAAAAA!. Die rechte ist genervt: Bitte, nicht schon wieder. Ich bin gefangen. Ein Perpetuum Mobile der Ekstase: Ein Lied vergeht, da steht das nächste vor dem Gehörgang.   Nur Gänsehaut habe ich nie gehabt. Ansonsten ist dieses Gefühl der Euphorie so stark wie eh und je. Heute möchte ich ein paar Songs vorstellen, die mich und mein Leben verändert haben ohne meine Begeisterung für Musik zu verändern.


Auf der nächsten Seite: Die Songs!



  The Message. Grandmaster Flash & The Furious Five   Rap war etwas ganz neues. Etwas nie zuvor Gehörtes. Auch ich wurde davon in meinen Bann gezogen. Schwarze Menschen in New York, die sprechen statt singen. Alles dreckig, kaputt und hoffnungslos. Ich blickte aus dem Fenster auf die Reihenhäuser meines Mittelklasse-Vororts: Alles dreckig, kaputt und hoffnungslos. Nur mit Buchsbäumen. Ich fühlte mich verstanden.  

 

Sofort begann ich zur Maxi-Single Breakdance zu üben. Vor einem Spiegel auf dem Dachboden meines Elternhauses. Immer wieder zu „The Message“, dem vielleicht besten Rap-Song aller Zeiten. Wenige Wochen später hatte ich meinen großen Auftritt bei der Jugendzentrum-Disco in Münster-Handorf. Nach wenigen Minuten zogen mich die Jungs aus dem schlechteren Teil der Suburbia („die Dorbaumer“) von der Tanzfläche und verprügelten mich. Damit war meine Breakdance-Karriere vorbei, bevor sie richtig losging: „Brokin’ glass everywhere...“



  Fallin’ like Dominoes. Donald Byrd.   Anfang der 90er startete meine Acid Jazz Phase. Acid Jazz war eine Marketing-Erfindung. Ein Verkaufsetikett, auf das ich gerne reinfiel. Zumeist handelte es sich um Soul, Funk, Fusion-Jazz aus den 70er Jahren. Von manchen Bands wie Galliano, James Taylor Quartett oder Mother Earth neu interpretiert. Besser waren aber die Originale. Wie der Trompeter Donald Byrd. Das Lied „Fallin’ like dominoes“ hörte ich zuerst total bekifft bei einem Freund. Die fast psychedelische Trompete entführte mich in andere Sphären. Weit weg von Hausarbeiten und den Verpflichtungen des Alltags.


 


Das Lied ist für mich bis heute ein Hammer. Aber nicht mehr als ein jederzeit willkommener Grund den dritten Joint des Tages zu genießen. („Wo sind die langen Blättchen?“) Allein die Erinnerung an die Zeit damals macht mich beim hören High. Music is the only drug: Bei mir stimmt dieser dämliche Spruch sogar – wenn Donald Byrd zur Trompete greift.   



  Telefunken. Egoexpress  

Viele Jahre habe ich über elektronische Musik eher die Nase gerümpft. Speziell Techno. Anfang/Mitte der 90er kam elektronische Musik im Mainstream an. Mit teilweise verheerenden Auswirkungen, wie den Techno-Schlümpfen und Loveparade-Besuchern in Familie Feuerstein Konstümen. Dann kam ein Abend im Berliner Ensemble. Francoise Cactus und Brezel Göring von Stereo Total legten in der Kantine des Theaters auf. Die Nacht war eher mittelprächtig. Dann geschah plötzlich eine gottgleiche Erweckung der müden Party: Telefunken von Egoexpress. Begeistert tanzte ich los und ließ mich von diesem minimalistischen Beat zum Wahnsinn treiben.  


Nach dem Song fragte ich Brezel, wer das sei: Egoexpess. Montags stand ich im Plattenladen – so was war damals noch relevant – und kaufte die CD. Danach begann meine Phase, in der ich ausschließlich Techno, House und ähnliches hörte. Nur beim Techno-Karneval Loveparade war ich selbst als Berliner nie.



  Septemberwind. Joe Dassin.  

Normalerweise bin ich nicht so der Retro-Typ. Also nicht der 70er, 80er, und das Beste von heute Typ. Letztens warb ein Radiosender hier in Berlin mit dem Slogan: Doppelt so viel 80er. So als ob nach den 80ern, gleich noch mal die 80er kämen. Einerseits ein interessanter Gedanke, andererseits: Musikalisch hätten wir sie ja dann dreimal, wenn man die 00er als zweite 80er betrachtet. Diesen Song entdeckte ich auf einer Hitparaden-Compilation meiner Eltern. Ramba-Zamba-Fetenhits oder „Die goldene Schlager Hitparade“ hießen die Scheiben. Auf Deutsch heißt der Titel Septemberwind. Er ist unheimlich kitschig und tragisch zugleich. Aber auch nachfühlbar.

 

 Ich trat aus der Off-Galerie in die eiskalte Nacht. War das Gänsehaut? 



Text: alf-frommer - Foto: alwayshappy---photocase.com

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