„Guten Abend meine Damen und Herren, ich begrüße sie ganz herzlich an Bord unseres Airbus 320 auf unserem Flug nach München. Die voraussichtliche Flugzeit beträgt heute circa 55 Minuten.“ Da ist es wieder, dieses Wort, bei dem ich zusammenzucke: „voraussichtlich“. Das heißt, es besteht durchaus die Möglichkeit, dass wir vielleicht gar nicht ankommen. Synonyme für „voraussichtlich“ sind unter anderem: „vermutlich“, „wahrscheinlich“ oder „mutmaßlich“. Man weiß es also nicht.

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Unsere Wissensgesellschaft mutiert an Bord einer Maschine ruckzuck zu einer Wahrscheinlichkeitsgesellschaft. Und genau das ist mein Problem. Fliegen ist nicht nur die Frage „Tomatensaft oder kein Tomatensaft?“, Fliegen ist eine Frage von Leben oder Tod. Zumindest für Menschen wie mich, die unter Flugangst leiden.

Irgendwann fing es an, dass ich im Flieger ein schlechtes Gefühl bekam. Vielleicht lag es daran, dass ich als Teenager einmal wegen eines Triebwerkschadens landen und zum Ausgangsflughafen zurückkehren musste. Der Pilot nannte das damals süffisant „ein kleines Problem“. Für mich waren es die längsten 25 Minuten meines Lebens. Ich habe mein innerliches Testament gemacht, mir geschworen, nur noch nett zu meiner Mama zu sein und plötzlich doch an Gott und seine wundersame Wirkung geglaubt. („Lieber Gott: Ich schwöre dem anorganischen Satan Flugzeug ab!“). Wenn man nicht an höhere Mächte, sondern an das Statistische Bundesamt glaubte, wären Stoßgebete nicht nötig: Statistisch muss man 67 Jahre am Stück fliegen, um einmal in den Genuss eines Absturzes zu kommen. Es wäre also möglich, direkt nach der Geburt in den Flieger zu steigen, um dann beim Aussteigen schnurstracks lebendig in Rente zu gehen.

Doch nackte Angst ist stärker als nackte Zahlen und ich bin mit dieser Angst nicht alleine. Viele Menschen haben ein ungutes Gefühl im Flugzeug. Da ist vor allem dieses Ausgeliefertsein: Wer fliegt die Kiste eigentlich? Hatte der gestern eine schlechte Nacht, hat er eine akute Beziehungskrise oder ein unentdecktes Drogenproblem? Der Pilot ist meistens nur eine tiefe, Zuversicht verbreitende Stimme: „Hallo, hier spricht ihr Kapitän Georg Müller (Müller hört sich vertrauensvoll deutsch an: gut!) ich fliege sie heute sicher (danke noch mal für den Hinweis) nach München. Neben mir sitzt der 1. Offizier Dörte Meier (Frau: gut - die trinken weniger als Männer!), die den Flug ausführen wird. Ich hoffe, Sie genießen den Flug (nein).“ Mir ist klar, dass diese Sätze dazu da sind, Menschen wie mich zu beruhigen. Ein bisschen klappt das auch. Spricht der Kapitän gar nicht, geht es mir noch schlechter.

Ich konzentriere mich auf den Start. Schon das ist schlimm, aber in der Luft wird es immer schlimmer. Dort ist alles zu spät. Kleine Turbulenzen bringen mich in Panik. Neulich flogen wir an einem Gewitter vorbei. Heftige Schläge. Die Frau hinter mir schrie. Sie war in Panik, und Panik potenziert sich. Meine Handinnenflächen wurden nass und ich verkrampfte. Ich litt. Man ist erst unten, wenn man unten ist. Einmal war ich schon fast in Frankfurt gelandet, da startete die Maschine plötzlich durch. Ich blickte auf: Waren die 67 Jahre um? Es gibt keine schlimmere Stille an Bord eines Fliegers als jene, wenn das Flugzeug etwas macht, das es nicht machen soll.

Dann Entwarnung: Der Wind war zu stark zum Landen.

Wir Menschen sehnen uns nach Sicherheiten: Finanzanlagen ohne Risiko, Wissenschaft, die alles weiß, oder Computer, die verlässlicher sind als Menschen. Der Sessel in einem Flugzeug jedoch ist ein Ort, der alle Gewissheiten auf die Probe stellt. Besonders für Kopfmenschen wie mich. Trotz modernster Technik, trotz bestens ausgebildetem Personal und diverser Checks durch Mechaniker ist für mich Fliegen immer noch mehr Bauch als Gehirn. Der Bauch sagt: Bleib, wo du bist. Der Kopf: Du musst los. Beweglichkeit ist das Mantra von heute. "Weiter, immer weiter", sagte schon Oli Kahn, der erfolgreichste Titan der Welt. Dabei wäre es so schön, wenn man einfach mal stehen bleiben könnte. Wer immer unterwegs ist, landet nie in sich selbst. Gekommen, um zu bleiben, und nicht gekommen, um zu gehen. Auch die Flugzeuge in meinem Bauch wollen stillgelegt werden. Wahrscheinlich ist ein Teil meiner Flugangst genau darin begründet: Ich will gar nicht weg. Es sind die Umstände, wie Beruf oder Familie, die mich zwingen.

Aber selbst für mich gibt es Momente, in denen ich im Flieger kurz entspanne, zum Beispiel wenn im Bordprogramm ein schöner ... halt! Was war das für ein Geräusch? Habt ihr das auch gehört? DAS MÜSST IHR DOCH MITBEKOMMEN HABEN!!? Hat hier jemand „voraussichtlich“ gesagt?


Text: alf-frommer - Foto: joexx / photocase.com