Im Zweifel für den Zweifel

Wir leben in Zeiten, in denen sich alles ändert. Echt? Unser Autor erzählt von Dingen, die ihm bleiben. Heute: Der Zweifel als Verhinderer und Ermöglicher.
alf-frommer

Einer meiner ehemaligen Chefs sagte einmal folgenden Satz: „Wenn du unter 30 bist, willst du die Welt verändern, wenn du über 30 bist, hat die Welt dich verändert." Eine ziemlich pragmatisch-realistische, vielleicht auch zynische Aussage. Man sagt ja, dass Zyniker Idealisten sind, die mit der Realität in Kontakt kamen. In diesem Sinne war mein Boss damals ein Ex-Idealist, der vor allem zweifelte oder verzweifelte: an den Tatsachen. Auch mich machte er wieder einmal unsicher. Was ist richtig, was ist falsch? Und wie erkenne ich das?

Gerne würde ich sagen, dass ich ein selbstsicherer Mensch bin. Leider bin ich es nicht. Immer wenn ich vor Aufgaben stehe, zweifle ich an mir. Ständig stelle ich mir Fragen: Bin ich dem gewachsen? Kann ich meine Erwartungen und die der anderen erfüllen? Mache ich mich vielleicht lächerlich, weil ich versage? Dieses Gefühl des Zweifels verfolgt mich mein ganzes Leben, denn unsere Existenz stellt uns ständig vor Aufgaben: In der Schule, im Beruf, in der Beziehung. Eigentlich überall. Immer will jemand etwas von uns. Und wenn es nicht andere sind, dann sind wir es selbst. Am Ende steht eine Burn-out-Gesellschaft von Getriebenen, die an sich zweifeln. Anstrengend.

Daher bewundere ich Menschen, die ein großes Selbstvertrauen ausstrahlen können. So wie damals Barack Obama, der einfach sagte: „Yes we can." Wir können das Land verändern. Mehr noch: verbessern. Das imponierte mir. Wie vielen Millionen Menschen in den USA, die Obama zum Präsidenten wählten. Heute, fast vier Jahre später, haben Finanz- und Sinnkrise von der Aufbruchsstimmung Ende 2008 in Amerika nicht viel übrig gelassen. Der Mann, der so eine klare Vision hatte, konnte davon letztlich nicht viel umsetzen. Außer eine Krankenversicherung für alle Bürger. Sicher: Es gibt kaum eine größere Aufgabe als Präsident der USA zu sein. Trotzdem hatte man sich mehr erwartet. Bestimmt hatte aber auch ein Obama Zweifel an der Umsetzung seiner Ideen. Nur darf man die als Politiker, der Wahlen gewinnen will, nicht zeigen.

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Illustration: Julia Schubert


 
Die Aufgaben, vor denen ich stehe, sind weitaus alltäglicher. Zum Beispiel dieser Text. Am Anfang leuchtet mich ein digitales weißes Blatt Papier an. Es ist leer. Ein Raum für meine Gedanken. Aber sind die interessant und originell genug? Wie werden Leser auf diesen Text reagieren? Die Reaktionen können freundlich, aber auch hämisch sein. Das setzt mich unter Druck und ich habe Versagensängste. Bei jeder neuen Aufgabe kämpfe ich gegen meine inneren Bedenken. Skepsis hat schon vieles verhindert, was ich machen wollte: So mancher Frau habe ich nicht mein Herz geöffnet, einfach, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie mich gut findet. Wahrscheinlich lag ich in den allermeisten Fällen auch richtig. Aber bestimmt nicht in allen. Ich habe mich auch oft nicht getraut, mich für einen Job zu bewerben, weil ich mich selbst nicht als gut genug eingeschätzt habe. Oder dachte, die Konkurrenz ist viel besser als ich. So hat der Zweifel schon vieles verhindert. Daher wünsche ich ihn oft zum Teufel.

Trotzdem finde ich Zweifel prinzipiell gut. Eine gesunde Portion Skepsis bewahrt einen vor Peinlichkeiten. Wenn man ab und an bei DSDS Kandidaten sieht, die nichts können, dann würde man denen am liebsten etwas vom eigenen Zweifel schenken. Man hat ja selbst genug davon auf Lager in den unendlichen Weiten seiner Gehirnwindungen. Auch bewahrt einen Zweifel davor, alles zu glauben, was erzählt wird. Werbung besteht nur aus Aussagen, die man nicht auf die Goldwaage legen sollte. Doch selbst ich als ehemaliger Mitarbeiter einer Werbeagentur bin schon auf Reklame reingefallen. Das super weiß waschende Waschmittel war eben doch nicht besser als alle anderen. Die Rotweinflecken sind nicht mit dem so genannten Wundermittel aus meinem Lieblingshemd verschwunden. Auch so mancher Aussage, die im Vollsuff getätigt wird („Ich liebe dich"), sollte man nicht in jedem Fall Glauben schenken. Im Endeffekt ist der Zweifel eine Art innerer Ratgeber, vielleicht sogar so etwas, wie der beste Freund in einem selbst. Er sagt einem offen und ehrlich, wie man ist. Doch auch auf den besten Freund hört man nicht immer und macht es einfach. Trotz Bedenken.

Zweifel ist nämlich nicht nur ein Verhinderer. Er ist auch ein großer Ermöglicher. Die Skepsis gegenüber der Atomenergie hat erst zur Energiewende geführt. Zweifel ist der größte Feind des „das haben wir schon immer so gemacht." Wenn man Dinge in Frage stellt, ist das oft der Beginn für tiefgreifende Fortschritte. Als ich mein Leben in der Armee mit immer größerer Skepsis sah, fasste ich den Mut, es zu ändern. Hier waren meine Bedenken eben genau der Impuls, etwas zu tun und nicht, es zu lassen. Im Zweifelsfall sollte man also eher zu viel als zu wenig Zweifel haben.

Manchmal denke ich noch an den Satz meines Chefs. Natürlich hat die Welt mich verändert, aber das heißt ja nicht, dass ich meine Welt nicht verändern kann. Der Sänger und Songschreiber Matt Johnson von der Band „The The" schrieb einmal: „If you can't change the world, change your world." Da gebe ich ihm zweifelsfrei recht. 

Text: alf-frommer - Foto: Saimen / photocase.com

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