Stillgestanden, Zeit!

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Einmal im Monat bekomme ich das Magazin „Die Bundeswehr" nach Hause geschickt. Es ist ein Relikt meiner Vergangenheit: In den neunziger Jahren verbrachte ich einige Jahre in der Armee und war sogar Offizier und Zugführer einer Einheit Kampfpanzer Leopard 2. Das sind riesige, monströse, dick gepanzerte Hightech-Waffen mit einer großen Kanone, zwei Maschinengewehren und Laserentfernungsmessern. Der Leo2 hat 1500 PS, damit kann man circa 60 Stundenkilometer schnell durch die Pampa rasen. Durch sein Gewicht von 60 Tonnen knickt er große Bäume wie Streichhölzer. Einen Baum umfahren kostete zu meiner Zeit immer einen Kasten Bier. Wenn man beim Rückwärtsfahren nicht sehr konzentriert war, konnte das schnell passieren. Knack und weg war die Tanne und die Kiste Tannenzäpfle da.

Das Magazin vom Deutschen Bundeswehrverband (kurz: DBwV – in der Armee wird alles gekürzt, nicht nur die Haare) beschäftigt sich mit allem, was für unsere Streitkräfte wichtig ist: Zum Beispiel bewirtschaftete Betreuung („unsere Soldaten wollen auch weiterhin ihre Curry-Wurst innerhalb der Kaserne verspeisen") oder das ein neuer Einsatzgruppenversorger der Marine (kurz: EGV) auf den schönen Namen „Bonn" getauft wird. Für mich wirken diese Berichte vertraut und fremd zugleich. Vertraut, weil sich viele Aspekte des Soldatenlebens bis heute nicht verändert haben: Gestern wie heute beklagen Armeevertreter fehlende Anerkennung in der Gesellschaft und für wirklich moderne Ausrüstung – die viele Milliarden kostet – ist komischerweise kein Geld da. Das war früher auch schon so. Heute ist neu, dass man von Gefallenen, Veteranen oder überhaupt Krieg redet. Die Kern-Essenz des Soldatenberufs, die Möglichkeit, im Einsatz zu sterben, ist in diesen Tagen wieder ins Zentrum des Bewusstseins gerückt. Das war zu meiner Zeit noch nicht so.

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Illustration: Julia Schubert



Eigentlich habe ich mit meiner Zeit als Offizier abgeschlossen. Wenn ich es heute Kollegen, Bekannten oder auch Freunden erzähle, dann wollen sie es erst nicht glauben: „DU warst bei der Bundeswehr?" Ja, war ich. Die neun Jahre waren im Grunde ein einziges Missverständnis. Vom ersten Tag an wusste ich, dass ich nicht in die Armee gehöre. Trotzdem war ich sehr lange dort und die Zeit hat mich auch geprägt. Schließlich war ich Offizier und mir wurde eingetrichtert: „Du bist ein militärischer Führer, du musst in jeder Lebenslage Vorbild sein." Das war anstrengend, denn wer will immer ein gutes Beispiel abgeben? Auf der Offizierschule gab es eine klare Ansage: Wer beim Kavaliersdelikt „Schwarzfahren im ÖPNV" erwischt wird, den entlässt man sofort als „moralisch ungeeignet" aus der Armee – was auch vorgekommen ist. Als Verteidigungsminister kann man hingegen Doktorarbeiten kopieren und trotzdem stellt sich eine Kanzlerin vor beziehungsweise hinter einen. Glaube eben immer nur an die Moral, die du selbst vorgibst. Jedenfalls wurde ich ständig indoktriniert: Ein Offizier muss das sein und das nicht. Zwar hatte ich auch Verständnis dafür, aber ich wusste, dass ich diese Projektionen und Erwartungen nicht erfüllen konnte.

Das Militär ist ein „Institut für angewandte Sekundärtugenden": Pünktlichkeit, Sauberkeit, Treue, Kameradschaft und vor allem Disziplin halten den ganzen Laden zusammen. Natürlich kann man auch sagen, dass dies überwiegend die Werte sind, die Deutschlands Wirtschaftswunder am Laufen hielten und halten. Mit dem Prinzip „Pflichterfüllung" ist unser Land aber auch schnurstracks in die größte Katastrophe seiner Geschichte marschiert. Heutzutage versuche ich die guten Aspekte der sekundären Tugenden zu behalten: Ich bin meistens pünktlich und liefere meine Aufträge wie vereinbart ab. Man kann sich auf mich verlassen. Nun gut, mein Schreibtisch ist oft sehr chaotisch, aber man muss ja nicht alles so machen wie in der Armee. Überhaupt wird in Uniformkreisen ein Gruppendruck und Korpsgeist aufgebaut, der teilweise erdrückend wirkt. Wenn ich in der Zeitung lese, dass ein Demonstrant während einer Demo von Polizisten verprügelt wurde und keiner der Kollegen hat was gesehen, dann weiß ich, woher die temporäre Blindheit kommt. Der Kasernenzaun symbolisiert das Denken: „Ihr da draußen, wir hier drinnen." Das macht sogar Sinn, weil man sich in sehr gefährlichen Situationen aufeinander verlassen muss. Da kann man nicht stundenlang alles totdiskutieren wie in üblichen Business-Meetings.

Meistens verdränge ich meine Zeit in der Armee einfach. Bis eben einmal im Monat das obligatorische Bundeswehr-Magazin in meinem Briefkasten liegt. Mit geheimnisvollen Bezeichnungen wie FjgEinsKp MES, DTA NTM-A oder OMLT 209. Mit Artilleriebataillonen oder dem zweiten Treffen der SKB-Community. Also einer seltsamen Parallel-Welt, die nichts mit meinem heutigen Leben zu tun hat. Außer vielleicht dann, wenn ich einen Termin habe und mich an den Spruch erinnere: „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlichkeit." Dann merke ich, dass ich immer noch wie ein Offizier denke. Zumindest bis zum Zapfenstreich. Oder so. 

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