Diese Woche berichtete die Mutter aller Boulevard-Zeitungen über etwas Ungeheuerliches: „Erster Toter durch hohe Benzinpreise." Ein Rentner erlitt nach Darstellung der wahrhaftigsten Publikation unseres Landes einen Herzinfarkt an einer Tankstelle. Grund: Streit mit dem Pächter wegen der aktuellen Preise an den Zapfsäulen. Jetzt könnte man dagegen halten, dass in den letzten Jahrzehnten hunderttausende Menschen wegen Öl-Kriegen und Konflikten ums Leben kamen. Der unbekannte Rentner ist also bestimmt nicht der erste Mensch, der wegen fossilen Brennstoffen sein Leben lassen musste. Das Ableben des Rentners bleibt jedoch ein groteskes Bild: der Tod zu Besuch an einer der Lebensadern unserer mobilen Gesellschaft.

Mir persönlich ist es egal, ob Benzin 1,30 Euro oder wie jetzt 1,67 kostet. Ich besitze seit 14 Jahren kein Auto mehr und habe nicht vor das zu ändern. Es geschah nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus, sondern war logische Folge einer Lebensphase in der mir vieles egal war. Mein damaliges Auto war defekt. Ich ließ es mehrere Wochen auf einem Parkplatz stehen, bis es abgeschleppt und zwangsweise verschrottet wurde. Irgendwann kam einer dieser Briefe in grünen Umschlägen, die einem in der Fremdsprache „beamtisch" ziemlich lakonisch erklären, was Sache ist. Meistens nimmt man diese Informationen hin, wie das Wetter. Auf beides hat man keinen Einfluss. Mein türkisfarbener Fiat Uno fand jedenfalls seine letzte Ruhe in einer Schrottpresse. Blöd war, dass auch meine coolen braunen Luden-Stiefeletten in dem Auto waren, als der stählerne Schlund meinen Wagen unerbittlich verschluckte. Trotzdem. Ich war nicht traurig, sondern eher befreit.

 

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Ich lebe seit circa 20 Jahren immer im Zentrum einer Großstadt. Wer jemals etwas Zeit dort verbrachte, der weiß, dass man dort eigentlich kein Auto braucht. Man sucht ständig einen Parkplatz, sammelt Strafzettel wie andere Briefmarken und übt sich im Vogel zeigen oder Beleidigungen herausschreien. Oder man steht im Stau. Dort darf man morgens albernen „Morning-Show-Moderatoren" zuhören, wie sie versuchen chronisch lustig zu sein. Horror. Das Auto ist in der Stadt ein Paradox: denn es lässt einem Fahrer subjektiven Stillstand erleben in einem Meer der objektiven Mobilität. Man denkt immer, man wäre zu langsam. Es ist purer Stress. Der Innenraum eines Autos begrenzt die Freiheit des Menschen darin. Ein Kokon der Menschen frisst ­– oder zumindest die Nerven des Autolenkers. Wie viele Beziehungen sind eigentlich schon in einem Auto zerbrochen? „SAG MIR NICHT IMMER WIE ICH ZU FAHREN HABE!"

Mein Verzicht auf das Auto hat mich freier gemacht. Ich habe viel weniger Ärger mit anderen Fahrern, die mit mir um jeden Zentimeter Asphalt kämpfen. Keine Pöbeleien. Keine Tickets fürs Falschparken. Und Tankstellen sind für mich Supermärkte. Die Preise dort sind dann auch zu hoch. Aber eher fürs Bier, als fürs Benzin. Nur mein Vater kann nicht verstehen, warum ich kein Auto besitze. Er kommt noch aus einer Zeit, als man etwas heimlich durch die Gardinen lugte, wenn der Nachbar sein neues Auto vor der Garage abstellte. Autos waren der Gradmesser der sozialen Stellung, ein Statussymbol: Fährt der wie jeder Popel einen Opel oder doch einen Mercedes? Und wenn ja: welche Klasse. Diese Szenen spielen sich wahrscheinlich heute noch in vielen Vororten ab. Dort, zwischen den Stiefmütterchen der Vorgärten ist die Größe eines Autos immer noch der Nachweis es geschafft zu haben. Aber was? Den Klimawandel? Die Zubetonierung weiter Landstriche? Lärmterror? Oder fast 4000 Tote im Jahr 2011 auf deutschen Straßen? Ja, dass ist polemisch. Aber eben auch auf gewisse Weise wahr. Das Auto ist der größte Massenmörder unserer Zeit. Aber wir regen uns nicht darüber auf, weil wir mobil sein wollen.

Tankstellen entbehren nicht einer gewissen Faszination. Sie sind ein sozialer Treffpunkt. In Hamburg wohnte ich direkt neben Deutschland berühmtester: der Esso Station an der Reeperbahn. Hier tankten jedes Wochenende tausende – Alkohol. In seinem Buch „Deutschboden" beschreibt der Autor Moritz von Urslar einen Samstagabend an einer Tankstelle in der brandenburgischen Provinz. Tiefergelegte Autos mit getönten Scheiben nebst Beifahrerinnen mit getönten Haaren. Es fließt Dosenbier in rauen Mengen. Der eigene Wagen ist das Tor zum Erleben in der Ödnis der Provinz. Er bringt einen zu Großraumdiskotheken oder ins Grab. Je nach Alkoholpegel. Ich mag die soziale Komponente. Und es wäre für mich der einzige Grund, warum ich Tankstellen vermissen würde. Vielleicht ist der tragische Tod des Rentners an einer zugigen Station eines Mineralölkonzerns eine Metapher: das Zapfsäulen-Zeitalter steht vor dem Ableben. Für die bunte Welt der Leuchtreklamen an Ausfallstraßen wird es zappenduster. Wahrscheinlich werde ich es gar nicht bemerken, denn ich bin kein Autobesitzer. Es sei denn die BILD titelt: „Erste Tankstelle wegen hoher Benzinpreise gestorben." Das wär doch mal was.

Text: alf-frommer - Foto: dpa