Die Wahl-Kolumne, Folge 10: Der Werkzeugkasten

Im September ist Bundestagswahl. Deshalb streift unsere Kolumnistin durch die Parteienlandschaft und notiert hier, was sie dazulernt. Diesmal: ein nützliches Programm, das leider keine Partei nutzen will.
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Als ich kürzlich von einem Amerikaner namens Jim Gilliam las, brodelte es in meinem Herz. Nach erfolgloser Chemotherapie und Bestrahlung verweigerten die Ärzte dem Mann eine Lungenflügeltransplantation. Der Computerwissenschaftler drohte dem Krankenhaus, eine Website mit dem Titel „UCLA-Chirurgen sind Feiglinge“ online zu stellen und mobilisierte seine Freunde zu einem kollektiven E-Mail-Bombardement. Die Ärzte knickten ein, die Operation glückte, Jim besiegte den Krebs.

Was Jim außer seiner Gesundheit aus dieser Geschichte mitnahm: Er kapierte, wie schnell sich im Internet eine Bewegung organisieren lässt und gründete das Unternehmen „NationBuilder“. Das liefert Politikern oder politischen Bewegungen eine Software, um den Wahlkampf besser zu organisieren. Man kann damit Anhänger und ehrenamtliche Helfer rekrutieren und koordinieren, Veranstaltungen planen oder Spenden verwalten. Eine Art kompakter Werkzeugkasten für politisch Engagierte.    

Wie erfolgreich Gilliams Tool ist, zeigte vor zwei Jahren die Scottish National Party. Sie gewann unerwartet die Mehrheit im schottischen Parlament, nachdem sie ihre Anhänger mit einer ersten Testversion des NationBuilders mobilisiert hatte. In Ontario, Kanada, wurde mit dessen Hilfe in diesem Jahr die erste offen lesbische Premierministerin gewählt, in Hawaii überholte eine Schönheitskönigin ihren Gegner, der für alle anderen von Anfang an der klare Sieger war. NationBuilder hat nun auch Deutschland im Visier: leider aber wohl erst nach der kommenden Wahl. Bisher hat das Unternehmen noch keine deutschen Kunden, möchte aber expandieren.    

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Illustration: Julia Schubert



Dabei sind Twitter und Facebook, ach das heilige Internet an sich, bei uns noch immer viel zu ungenutzt in Sachen Wählermobilisierung! Wäre ich nicht mit ein paar politisch engagierten Menschen vernetzt, würde zum Beispiel meine Timeline auf Facebook hauptsächlich aus Food-Pornografie, Musikvideos und Wetter-Lamento bestehen. Dabei habe ich einige Parteien abonniert. Aber das Aufregendste, was über deren Kanäle lief, war kürzlich eine Art Wettbewerb, wer beim Hochwasser mehr Menschen im Schlamm besucht.    
Bisher ist der sogenannte Wahlkampf ja ungefähr so scharf umrissen wie ein Klecks Grütze. Und eine Strategie ist auch nicht zu erkennen. Die Wahlplakate der SPD, auf denen alles zu sehen ist außer der eigene Kanzlerkandidat, werden verspottet, und auch bei den anderen Parteien wirkt nichts richtig durchdacht. Wäre der digitale Werkzeugkasten von Jim Gilliam da nicht ein willkommener Pfosten, an den sich die Parteien binden könnten, um Wähler wie mich in ihr Boot zu holen?    

Der einzige Parteisprecher, der sich bisher zu der Software geäußert hat, ist Malte Spitz, netzpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Grüne. Er glaubt, dass „NationBuilder“ eher als Tool für temporäre Anliegen funktioniert, Bürgerbegehren zum Beispiel, und weniger für ganze Wahlkämpfe. Heißt wohl, dass die Software insbesondere kleinen Parteien helfen könnte, denn es vereinfacht vor allem administrative Aufgaben und kanalisiert Inhalte. Natürlich ist es eigentlich ein besonders demokratischer Gedanke: Mittels der einzelnen Tools lassen sich mehr Wähler aus ihrem Dornröschenschlaf wecken.    

Der Wahlkampf im Netz und auch außerhalb ist bisher stinklangweilig, man hat den Eindruck, es gehe um nix. Ich bin mir nicht sicher, ob das im August noch besser wird. Scheinbar sitzen die Parteien das Sommerloch aus. Dauernd wird trompetet, bald gehe die „heiße Phase“ los. Aber wann denn genau? Am 19. September? Keine der Parteien versucht ernsthaft, neue Wähler zu erreichen. Wie kurzsichtig.


Text: michele-loetzner - Illustration: katharina-bitzl

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