Die Wahl-Kolumne (Folge 13 und Schluss): der Showdown

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Am lustigsten war der handgeschriebene Brief eines älteren Herrn aus Norddeutschland. Er erklärte mir nach der Folge, in der es um Netzpolitik ging, dass das Internet total unwichtig sei und sich in wenigen Jahren von selbst erledigt haben werde. Und auch sonst habe ich viel Post und Kommentare zu dieser Kolumne bekommen. Immer mal wieder nicht so schöne, aber hauptsächlich freundliche und engagierte. Schmeiße ich das jetzt in einen Topf und mische es mit dem, was ich während dieser Kolumne erlebt habe, ergibt das für den heiß erwarteten kommenden Sonntag Folgendes: I have no fucking idea. Da habe ich mich aus meiner politisch-unwissenden Komfort-Zone heraus getraut und sechs Monate mit Politik beschäftigt – und trotzdem ist die Verwirrung knapp eine Woche vor der Wahl groß.    

Die CDU, so viel weiß ich jedenfalls, kommt für mich nicht infrage. Ich mag Nachplapperer nicht und das mit der Mietpreisbremse war bizarr dreist geklaut. Wobei ich sowieso nicht glaube, dass irgendeine Partei das durchziehen kann, so krass kann man nicht in den Markt eingreifen. Die Unions-Anhänger bei meinem Bierzeltbesuch in Trudering lassen mich noch heute schaudern. Außerdem: Das Geeiere um die Homo-Ehe war eine Sauerei! Und die SPD? Naja, ich mag die spröde Art von Herrn Steinbrück irgendwie, und seine Entourage, zum Beispiel Gesche Joost, ist mir sympathisch. Aber reicht das? Inhaltlich sehe ich das Steuerkonzept kritisch, ich finde 60 000 Steine eine zu tiefe Grenze. Mit so einem Jahreseinkommen ist man sicher nicht arm, aber auch kein Dagobert Duck.    

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

13 Folgen lang war Michèle auf der Suche nach der richtigen Entscheidung. Am Sonntag ist es soweit.

Lieber ist mir dann die Grenze der Grünen von 80 000 Euro. Überhaupt haben mir die Grünen ziemlich gut gefallen. Einfach weil sie das Spotlight auf diskussionswürdige Themen lenken, die wir aus nachvollziehbarer Bequemlichkeit gerne ausblenden. Wir erinnern uns: Als Fukushima in die Luft ging, erreichten die Grünen bei Umfragen an die 30 Prozent. Lange war das Kernkraftwerk nur noch eine Randnotiz wert, erst jetzt im Wahlkampf ist es wieder unangenehm aufgepoppt, weil es immer noch verstrahltes Wasser ins Meer pumpt. Ich bin für Krawall, schon immer, ich war ein schwieriger Schüler. Und das ist keine Entschuldigung an meinen Mathelehrer Herrn Hutzler.    

Den Radau, den die AfD betreibt, weise ich allerdings weit von mir. Ich halte den Euro und die gemeinschaftliche Idee für ein wichtiges pazifistisches Statement, insbesondere für Länder wie Kroatien. Wenn sich hier jeder abspalten könnte, wie er lustig ist, hätten wir bald wieder Zustände wie im Mittelalter. Und damit geht auch, nebenbei, eine klare Absage an die Bayernpartei: Ihr könnt euer engstirniges Weißbier in eurem Werbebus alleine trinken. Wen hab ich jetzt noch vergessen? Ah ja, die FDP. Mir gänzlich unsympathisch, angefangen bei Herrn Brüderle bis hin zur Parteibasis, die sich für mich aus wohlgenährten Jungunternehmern in mintgrünen V-Kragen-Pullis zusammensetzt. Und die Linke? Nee, dazu bin ich zu egoistisch und geldverliebt. Die Piraten? Ich wähle keine Partei, in der jemand wie Christopher Lauer etwas zu sagen hat. Selten jemanden erlebt, der so selbstverliebt wirkt und Macht offensichtlich als persönliches Lieblings-Accessoire sieht.    

Aber eine letzte Instanz gibt es ja noch: Den Wahl-O-Maten im Internet. Vielleicht schafft der ja mit seinem simplen Find-ich-gut-find-ich-blöd-Prinzip endgültige Klarheit. Und los: Flächendeckender Mindestlohn? Nein. Betreuungsgeld? Auf gar keinen Fall. Tempolimit? No way. Ich fahre gerne schnell Auto. Euro behalten? Jawohl. Strompreisregulierung vom Staat? Ja. Ausbauung der Videoüberwachung? Ja, ich bin einmal überfallen und fast vergewaltigt worden, der Täter wurde nie geschnappt. Wenn du das hier liest: Fick dich!    

Bedingungsloses Grundeinkommen? Nein. Förderung nur für ökologische Landwirtschaft? Ja. Gemeinsamer Unterricht für Kinder aller Kulturen? Logo! Erhöhung des Spitzensteuersatzes? Hmtja, ja. Deutschland soll aus der Nato austreten? Nö, warum denn? Kein Neubau von Kohlekraftwerken? Aber hallo, Schluss mit der Pest. Pille danach soll rezeptpflichtig bleiben? Bullshit! Banken sollen verstaatlicht werden? Neutral. Mehr Flüchtlinge? Nein, wir nehmen schon sehr viele auf, aber Bayern muss die Residenzpflicht abschaffen. Und überhaupt: Die müssen besser integriert werden, das sind ja keine Trottel! Lohnersatz für Angehörigenpflege? Oh ja! Verbot verfassungswidriger Parteien? Klar. Bafög unabhängig vom Einkommen der Eltern? Ja, endlich bitte! Einreisekontrollen? Quatsch. Frauenquote? Ja, Vollgas. Finanzstarke Bundesländer sollen schwache Bundesländer weniger unterstützen müssen? Neutral, obwohl es mich als Bayerin natürlich nervt, den BER-Pfusch mit zu zahlen. Senkung des Rentenalters? Nö, denn wir werden alle immer älter und bleiben fitter. Mehr Migranten im öffentlichen Dienst? Ja, das würde Ausländern den Behördendschungel nämlich auch erleichtern. Verbot von Rüstungsexporten? Ja, obwohl das traurigerweise ein wichtiger Wirtschaftszweig Deutschlands ist. Beibehaltung des Ehegattensplittings? Mir egal. Deutschland soll sich für den EU-Beitritt der Türkei einsetzen? Ja, aber nur wenn Erdogan verschwindet. Abgeordnete sollen Nebeneinkünfte offenlegen? Klar, ich muss dem Finanzamt ja auch jeden Furz rechtfertigen und erklären.    

Kurze Atempause vor dem Rechner. Ich merke, wie oft ich gerne präziser antworten würde, aber das ist ja nicht Sinn der Sache. Ich wollte es einfach, hier habe ich es. Nur von meinen roten Wangen bin ich überrascht. Sich durch solch grundsätzliche Themen zu klicken, berührt mich mehr als ich dachte.    

Kirchensteuer? Nein, sowas von fucking Nein!

Aber gut, weiter: Energieintensive Industrien sollen sich stärker als bisher an der Finanzierung der Energiewende beteiligen müssen? Jau. Hartz-IV-Empfängern sollen weiterhin Leistungen gekürzt werden, wenn sie Jobangebote ablehnen? Nein, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, welche schwachsinnigen Jobs einem das Arbeitsamt vorsetzt. Kirchensteuer? Nein, sowas von fucking Nein! Gesetzliche Krankenversicherungspflicht für alle? Nein, wer privat will und kann, soll das dürfen. In der Euro-Zone soll jeder Staat alleine für seine Schulden haften? Puh, jetzt müsste man halt wissen, wie das genau mit der Umverschuldung funktioniert. Aber das Bauchgefühl sagt: Quark. Europa basiert doch auf einem Solidaritätsprinzip. Würde das sonst nicht heißen, wir sind nur dann solidarisch, wenn es uns in den Kram passt?    

Adoptionsrecht für Homos? Auf jeden! Vorratsdatenspeicherung ohne konkreten Anlass? Neutral. Mietpreisbremse? Ach, schön wär’s, stimm ich doch mal zu. Doppelte Staatsbürgerschaft? Von mir aus. Autobahnmaut? Find ich gut. Volksentscheide auf Bundesebene? Bloß nicht, das gibt nur dauernd Stuttgart 21. Jetzt noch anmarkern, welche Thesen mir besonders wichtig sind: Bafög, Frauenquote, Kohlekraftwerke, Kirchensteuer, Adoptionsrecht, Pille danach und Lohnersatz bei Pflegezeit.    

Ergebnis: 73,9 Prozent für die Grünen, gleich auf mit den Linken, dicht gefolgt von den Piraten mit 72,7. Oha. Mit Herrn Lauer hätte ich nicht gerechnet, mit den Linken auch nicht. Die Grünen finde ich okay. Und wisst ihr, was ich auch okay fände? Wenn ihr am Sonntag alle wählen geht. Danke für sechs Monate Aufmerksamkeit und rege Diskussionen unter dieser Kolumne! Ich wünsch mir nur noch eines: Seid ein bisschen netter zueinander und zeigt diesem Opi aus Norddeutschland, dass er Unrecht hat. Das Internet wird sich keineswegs in Kürze erledigen. Weil es nämlich eine gute Sache ist.



Text: michele-loetzner - Illustration: katharina-bitzl

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