Die Wahl-Kolumne, Folge 5: Die Krüge? Hoch!

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Manchmal verstehe ich, warum manche Leute München hassen. Ich liebe diese Stadt zwar von tiefstem Herzen, aber auch nur, weil mein Hirn so wunderbar die Parallelwelten ausblendet. Neulich überrumpelte mich die weißwurschtene Bierdimpfl-Realität einmal mehr. Dabei hätte ich es eigentlich ahnen können: Frau Merkel war zu Gast. Sie beglückte die Truderinger Festwoche mit Anwesenheit und Rede. Trudering ist ein Ort im Speckgürtel, dort wohnt man schon in Reihenhäusern, aber es gibt noch einen S-Bahnanschluss. Und eben auch zu jedwedem Anlass ein winziges Volksfest mit Steckerlfisch und Schießbude.

Es ist ein schöner Mai-Abend, als ich über den Kies auf dem Festplatz laufe. Ich bin selten in den Satelliten-Stadtteilen, ich habe weder Kind noch Pferd. Das Zelt ist schon geschlossen wegen Überfüllung, aber die Eingänge stehen offen, dort hört man ganz gut: die Handböller der "Truderinger Böllerschützen" und auch Frau Merkels Rede. Mit fester Stimme lobt sie alle Anwesenden, jung wie alt - ganz außerordentlich sei Bayern und die Welt möchte so sein wie die Menschen hier. Jaja. Merkel bezieht nirgends kritisch Stellung, sagt Dinge, bei der ihr die Zustimmung sicher ist: Ausländer müssen eben Deutsch lernen, wenn sie hier arbeiten wollen, und es kann nicht sein, dass einige sich auf Kosten anderer ausruhen.

Neben mir steht eine eifrig nickende Frau, die in regelmäßigen Abständen "Genau!" vor sich hinmurmelt. Und da beginnt es langsam an mir hochzukriechen: lose schuppende Provinzpatina. Um mich herum werden Smartphones gezückt. Es ist völlig wurscht, was die Dame im blaugrünen Blazer von sich gibt: Hauptsache, jemand "Berühmtes" ist hier. Ein Mann in Lederhosen sagt tatsächlich "Mei, für a Frau ganz guad." Die Nickende neben mir raunt ihre Zustimmung. Als Merkel Oberbürgermeister Ude bezichtigt, "das mit den Kitas nicht auf die Reihe gekriegt" zu haben, jauchzt die Nickerin "Bravo".

Die zwei Türsteher blöken ununterbrochen "dengangmafreimachen", obwohl von einer Massenpanik hier wirklich nicht auszugehen ist. Dass ich hier nicht auf eine tolerante Stuhlkreisgruppe treffe, war mir schon vorher klar. Was ich aber sehe, sind all die Klischees, die München seit jeher unsympathisch machen: unmögliche Türsteher, frauenfeindliche Stammtisch-Sitzer, Hausfrauen, die ihre Nachbarn zum Blumengießen bestellen, wenn sie "auf'd Stood" (in die Stadt) fahren und Jugendliche, die hier sind, weil alle aus dem Fußballverein da sind.

Merkel macht in ihrer Rede klar: Es gilt, den Status Quo zu halten. Sehen alle hier so. Lösungsvorschläge braucht es nicht, hier gibt es ja auch keine Probleme. Dann stimmt Merkel tatsächlich die Bayernhymne an. Die einzige, die völlig textsicher mitsingt, ist ein Mädchen mit fetten Goldohrringen und offensichtlich nicht-bayerischer Herkunft. Die Umstehenden rücken peinlich berührt von ihr ab. Darf sich jemand, dessen Wurzeln woanders liegen, nicht patriotisch geben? Merkel verlässt die Bühne, ich den Festplatz. Das ist nicht mein Bayern. Das ist nicht mein München. Und wenn solche Leute die CSU wählen, dann ist das nicht meine Partei.



Text: michele-loetzner - Illustration: katharina-bitzl

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