Die Wahl-Kolumne, Folge 6: Ein Euro sind zwei Mark

Im September ist Bundestagswahl. Unsere Kolumnistin sucht bis dahin nach der richtigen Entscheidung. Heute: zu Besuch bei den Eurogegnern.
michele-loetzner
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Illustration: Julia Schubert



Diesmal wollte ich mich überraschen lassen. Aber der Reihe nach. Ich bin zu einem Treffen mit Steffen Schäfer verabredet, dem Bezirksvorstand der AfD, Alternative für Deutschland. Das ist diese neue Partei, schon mal gehört? Ja, ich auch nur so am Rande. Die wollen die D-Mark zurück oder so. Halbgares Wissen, Ende. Die Recherche ergibt: Bei der AfD handelt es sich um eine kürzlich gegründete Partei, deren Vertreter eine geordnete Auflösung der Euro-Zone fordern. Stattdessen soll es kleine Währungsverbünde geben, was die Wiedereinführung der D-Mark nicht ausschließt. Außerdem möchten sie, dass Familien besser unterstützt und einheitliche Bildungsstandards generiert werden. Das Übliche also. Ihre Mitglieder bestehen zu großen Teilen aus ehemaligen CDU- und FDP-Leuten sowie älteren Akademikern, weshalb sie gerne auch "Professorenpartei" genannt wird.

Da bildet man sich automatisch eine Meinung, deshalb will ich mir ein wenig Wundertüten-Feeling bewahren, als ich Steffen Schäfer treffe. Ich habe ihn absichtlich nicht gegoogelt. Vor mir steht ein sehr groß gewachsener Mann, er begrüßt mich mit festem Händedruck. Er trägt eine Lodenjacke, die bei mir automatisch bayerischen Wohlstand impliziert. 41 Jahre ist er alt, hat zwei Kinder, eines davon ist erst vier Wochen alt, sein Vaterstolz ist grundsympathisch.

Auch er war früher ein CSU-Mitglied, aber passiv, betont er. Zum Schluss war er so unzufrieden mit der gegenwärtigen Politik, dass er zweimal ungültig wählte. "Ich wollte nicht, dass meine Stimme durch Berechnungen Parteien zu Gute kommt, mit deren Programmen ich mich nicht identifiziere." Verstehe ich. Jetzt hat er aber eine, für die er Feuer und Flamme ist, nämlich die AfD. Erst drei Monate alt, angeblich schon fast 15 000 Mitglieder. Das ist viel, offenbar herrscht große Unzufriedenheit in Deutschland.

Wir unterhalten uns fast eine Stunde, er ist ein guter Redner, seine Augen weichen nie aus, was er sagt, leuchtet ein. Ich muss mich immer wieder innerlich ermahnen, dass ich auch Gegenargumente mitgebracht habe. Zum Beispiel halte ich die europäische Idee für richtig, wie sonst sollen einzelne kleine Länder gegen China und die USA wettbewerbsfähig sein? Deutschland allein käme vielleicht zurecht, aber der Rest?

Schäfer findet, "dass Deutschland sehr negativ gesehen wird. Ständig fließt Geld in Länder, die sich dadurch nicht gerettet fühlen, sondern bevormundet." Aber macht uns Eigenbrödelei beliebter? Ich will wissen, ob er Angst hat, dass seine so junge Partei das gleiche Schicksal ereilt wie die Piraten: Streit und öffentliche Richtungskämpfe. Das glaubt er nicht, denn die AfD sei sich über die Grundsätze ihres Parteiprogrammes einig. "Und dieses Programm schließt die Homo-Ehe aus?", frage ich. Wie ich darauf komme, fragt Schäfer und runzelt die Stirn. Habe ich als Zitat eines Parteimitglieds gelesen. "Das ist doch Quatsch", verneint Schäfer, "ich persönlich finde, jeder soll so leben, wie er möchte, solange er niemandem damit schadet. Wenn das Instrument der ehelichen Gleichstellung dafür nötig ist, um gleichgeschlechtlichen Paaren ein gutes Leben zu garantieren, ist das in Ordnung. Das ist meine Meinung, kein Teil unseres Programmes. Aber ich bin doch auch kein Sklave einer Partei."

Ich bin überrascht, da hatte ich nach meiner Recherche eine andere Reaktion erwartet. So ganz geheuer ist mir die AfD nach unserem Gespräch trotzdem nicht. Nur bei einer Sache bin ich mir sicher: Herr Schäfer tritt zumindest mit großer Überzeugung für etwas ein, an das er glaubt. Wahrscheinlich hat Herr Schäfer mir da in seiner bayerischen Jetzt-packen-wir's-an-Mentalität etwas voraus.

Text: michele-loetzner - Illustration: katharina-bitzl

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