Die Wahl-Kolumne, Folge 7: Regt euch auf!

Im September ist Bundestagswahl. Unsere Kolumnistin sucht bis dahin nach der richtigen Entscheidung. Heute zieht sie Zwischenbilanz - und wird ziemlich sauer.
michele-loetzner
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Illustration: Julia Schubert



Es ist Halbzeit in meinem Wahlentscheidungsfindungsprozess, und ich muss ohne Umschweife feststellen: Nix klappt so, wie es soll. Ich schaue politische Talkshows, um Einblicke in Parteiprogramme zu bekommen, finde die aber dann blöd, weil ich ihre Vertreter für Fußnägelrumpuhler halte – obwohl das Programm okay wäre. Ich mache eine Umfrage, um die politische Meinung anderer zu erfahren – doch dann sind die Leute noch wurschtiger als ich. Ich besuche Frau Merkel und finde weniger sie, dafür ihr Publikum ziemlich scheiße. Dabei hatte ich gedacht, es sei andersrum. Ich treffe jemand von den Eurogegnern der AfD, den ich dringend nicht mögen will, aber dann entpuppt der sich als Leutefänger und wickelt mich fast ein. Kurz: Nie kann ich hier das schreiben, was ich eigentlich zu schreiben vorhatte. Immer kommt etwas anderes raus als ich anvisiert habe. Das regt mich auf, ich hätte mein Leben gern etwas planbarer und diese Zeilen hier auch. Und – surprise, surprise – auch diese Woche steht hier nicht das, was ich ursprünglich aufschreiben wollte. 

Es geht mit einem weiteren Aufreger los: Die Bertelsmann Stiftung und das Institut für Demoskopie Allensbach haben im Juni in einer Umfrage festgestellt, dass die Deutschen politikverdrossen sind. Ja, das heißt es öfter, aber diesmal gibt es eine erschütternde Zahl: Nur noch ein Drittel der Deutschen wollen wählen, unter Jugendlichen sind es noch weniger. Und wer tut was dagegen? Keiner. Naja, wenige. Eine davon ist Julie Rothe, Politikwissenschaftlerin aus Berlin. Sie und ihr Team, das vor allem deshalb bekannt ist, weil die Vorgänger den Wahl-O-Mat erfunden haben, organisieren Podiumsdiskussionen (www.wahlgang.de) zwischen jungen Leuten und Politikern. Da passiert natürlich das Gleiche wie auf der großen Politikshowbühne: Die Vortragenden schwurbeln irgendeinen nicht fassbaren Krampf vor sich hin und denken, sie kommen mit diesen unkonkreten Plattitüden durch. Glücklicherweise funktioniert das vor allem bei Schülern nicht so gut. Die fragen nämlich so lange penetrant nach, bis der Anzugträger nicht mehr ausweichen kann. Im Leute-Piesacken ist man unter 20 Jahren ja  gerade auf dem Zenith seiner Leistung. Jedenfalls: Eigentlich habe ich Julie getroffen, um hier viele schlaue Dinge über die möglichen Gründe der deutschen Politikverdrossenheit schreiben zu können.  

Darüber habe ich mit Julie auch geredet. Aber dann haben wir uns aufgeregt, gemeinsam, mit rot in Rage geredeter Birne. Über die Homo-Ehe, beziehungsweise über das ganze schwulenfeindliche Theater hier und im Rest Europas und natürlich in Russland und überhaupt. Ich finde es fürchterlich, in einem Land zu leben, wo erst jetzt endlich ein umfassendes Gesetz zur Gleichstellung auf den Weg gebracht wird. Was bitte soll denn passieren? Homosexualität ist keine Krankheit. Man kriegt davon als Hete keine eitrigen Pickel in der Nase. Die Welt wird nicht untergehen, das Wetter wird nicht besser oder schlechter und die Parkplatzsituation in Schwabing wird sich dadurch auch nicht ändern. Und dieses Thema steht symbolisch für so viele Dinge, die mich ständig im bräsigen Deutschland aufregen: Dass Frauen immer noch weniger Gehalt bekommen als Männer, obwohl sie die gleiche Arbeit tun. Dass mir das Arbeitsamt lieber Arbeitslosengeld zahlen würde als mich finanziell eine Weile in meiner Selbstständigkeit zu unterstützen. Dass ich so viele Steuern zahle, dass mir schwindelig wird, und davon wird ein beknackter Flughafen nicht fertig gebaut und irgendwelches Männerspielzeug a.k.a. Drohnen, die nicht funktionieren. Ach und so viel mehr. Und dann bestätigt so eine Umfrage, dass die Leute keinen Bock mehr haben, wählen zu gehen. Nicht aus Protest, sondern aus Gleichgültigkeit. Ich erwarte ja nicht, dass der Mauerpark oder der englische Garten zu Gezi werden. Aber glaubt denn hier einer wirklich, dass sich Dinge verändern, weil man einfach nicht zur Wahl geht? Echt jetzt?  

Lieber Leser, du merkst, mich regt das mehr auf, als ich dachte. Wieder alles anders als erwartet also. Aber immerhin weiß ich jetzt: Auch wenn ich bei meiner Parteiensuche immer noch nicht fündig geworden bin, werde ich am 22. September am Start sein, selbst wenn ich nur das kleinste Übel wähle.

Text: michele-loetzner - Illustration: katharina-bitzl

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