Wohin mit dem Kreuz? Die Wahl-Kolumne, Folge 1

In sechs Monaten ist Bundestagswahl. Unsere Kolumnistin findet, dass sie für eine vernünftige Entscheidung gar nicht genug über Politik weiß. Das will sie ändern - und schreibt hier alle 14 Tage auf, was sie gelernt hat.
michele-loetzner
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Illustration: Julia Schubert



Achtung, hier kommt der Satz, den man nicht sagen darf: Ich habe keine Ahnung von Politik. Und es kommt sogar noch besser: Trotzdem gehe ich wählen, immer. Ich halte das für meine Pflicht in einer demokratischen Gesellschaft. Ein bisschen auch aus der Angst heraus, dass sonst nur Leute wählen gehen, die nix zu tun haben oder die irgendein radikaler Eifer treibt.

  Welche Partei mein Kreuz bekommt, entschied ich bisher nach einem Potpourri aus Bauchgefühl, Meinungen meiner Freunde, halb hingehörtem Tagesschau-Wissen und Sympathie für den jeweiligen Kandidaten. Von Parteiprogrammen habe ich – wenn überhaupt – nur eine sehr grobe Ahnung. Natürlich weiß ich, dass die NPD untragbar ist, mit der latenten Homophobie der CDU möchte ich eigentlich nichts zu tun haben. Aber ganz so einfach ist die Welt leider nicht. Um gleich mein Wahlgeheimnis zu lüften: Bisher wählte ich meist Rot oder Grün, einmal sogar die FDP. Die beiden Ersten, weil ich dachte, damit verbessere ich das Leben der benachteiligten Schichten (welch Trugschluss). Letztere, weil ich dachte, das sei gut für mein Geld (welch noch größerer Trugschluss).

  Vergangenen Herbst traf ich Dita von Teese in Paris zu einem Interview. Für ein Frauenmagazin unterhielten wir uns über die perfekte Party. Wer sein Geld damit verdient, halbnackt in übergroßen Champagnergläsern zu baden, ist da definitiv Experte. Während wir also über die richtige Deko und das passende Outfit plauderten, hielt sie plötzlich inne. Bestimmt beugte sie sich auf ihrer roten Chaiselongue nach vorne und sagte: „Wissen Sie, jeder hat eine individuelle Vorstellung von einem gelungenen Fest, aber eine Sache killt wirklich jede Feier: Wenn einer das Thema Politik aufbringt.“ Ich stutzte kurz, während sie fortfuhr: „Im Nu streitet sich ein Teil der Gäste bis aufs Blut und der Rest steht peinlich berührt herum. Politik ist auf einer Party tabu!“

  Ich erinnerte mich an unzählige Abende, die in beknackten Diskussionen endeten. Meine Freunde, von denen ein beachtlicher Teil Politik sogar studiert hat, warfen sich in politisch-philosophische Schützengräben und bekämpften sich mit Theorien von Luhmann oder Machiavelli. Und ich? Entschuldigte mich, um rauchen zu gehen. Allein oder mit den anderen, die den Freitagabend nicht in einem Diskurs-Brainfuck enden lassen wollten.

  Ich finde es albern, mit meinem halbgaren Wissen mitzureden. Ich mische mich ja auch nicht in ein Gespräch über Astrophysik ein, nur weil ich ein paar Sternbilder erkenne. Am Ende plappert man doch nur plakative Stammtischparolen vor sich hin. Richtig gut ist diese Haltung natürlich nicht, eigentlich sogar betrüblich bequem. Ich hätte gern eine fundierte Meinung und würde selbstsicher sagen: „Bei der Bundestagswahl am 22. September wähle ich die türkis-violetten Sozial-Euphoriker. Und zwar aus diesen und jenen Gründen.“ Deshalb stelle ich mich in dieser Kolumne offensiv meiner Bildungslücke. Obwohl es mir ein klein bisschen graut: Ich werde auch die ein oder andere Wahlkampfveranstaltung besuchen und die aufgeblasenen Parteiprogramme lesen. Mal sehen, wie weit ich komme, wen ich treffe – und vor allem: wen ich am Ende wähle. 

  Ob ich im September dann selbst einen reißerischen Monolog von mir lasse, wenn meine Freunde wieder anfangen, den Freitagabend zu ruinieren, bezweifle ich. Wahrscheinlich werde ich immer noch lieber aufstehen und zum Rauchen vor die Tür gehen. Falls das bis dahin nicht auch zu den Dingen gehört, die in Bayern verboten sind. Gleich auf die Checkliste: Wie war das nochmal mit den Volksbegehren?

Text: michele-loetzner - Illustration: Katharina Bitzl

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