Was muss ich über das Unterwegssein wissen, Herman Dune?

David-Ivar, eine Hälfte des wunderbaren Folk-Duos Herman Dune, ist ständig unterwegs. Mit jetzt.de hat er darüber geredet, ob das auf Dauer Spaß machen kann.
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David, einer eurer neuen Songs heißt „My Home Is Nowhere Without You“. Fühlst du dich gerade irgendwo richtig zuhause? Ich fühle mich im Moment in Paris mehr zuhause als früher. Heute mag ich Paris als Basisstation für meine Reisen als Musiker. Ich gehöre vielleicht nicht so sehr zur Pariser Musikszene, aber heute weiß ich die Stadt einfach mehr zu schätzen. Mit meinen englischen Songs habe ich mich hier früher nicht sehr wohl gefühlt, und dann bin ich nach New York gezogen, da war alles anders. Was gefällt dir am besten am Unterwegssein? Da gibt es vieles. Als Künstler habe ich so zum Beispiel die Möglichkeit, mit meiner Kunst weniger engstirnig umgehen zu können. Ich kann jeden Abend vor einem anderen Publikum stehen, das ist doch großartig! Ich finde es immer ein bisschen zu gemütlich, wenn manche Künstler immer nur vor ihren Leuten in ihrer Stadt auftreten. Mit das Schönste am Unterwegssein ist auch das Unterwegssein selbst – ich reise ständig durch irgendwelche Länder, sehe all die verschiedenen Landschaften und treffe jeden Tag neue Leute. Was ich persönlich gut und gleichzeitig schlecht am Unterwegssein finde, ist, dass du irgendwann dein Zuhause ernsthaft vermisst, auch die Leute, die dort auf dich warten. Meine größte Angst bezogen aufs Reisen ist, dass ich nicht zuhause sein könnte, wenn es gerade wichtig ist. In Zeiten, wenn mich meine Eltern oder meine Freundin brauchen.

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Illustration: Julia Schubert

Die Brüder David-Ivar (links) und Neman Herman Dune Gibt es etwas, das für dich zur Routineangelegenheit geworden ist, etwas, das du bei jeder Ankunft an einem Ort sofort erledigen möchtest? Auf jeden Fall. Ich will immer so schnell es geht ans Wasser – wenn es dort denn welches gibt. An einen Bach, einen Fluss, einen See oder natürlich noch viel lieber ans Meer. Ich liebe es einfach, nah am Wasser zu sein. Danach versuche ich herauszufinden, ob es einen guten Plattenladen gibt. Informierst du dich vorher über die Orte, die du ansteuerst? Ich finde es allgemein notwendig, sich vorher zu informieren. Man sollte doch zumindest wissen, in welche politische Situation man sich begibt. Und wie man „danke“ in der jeweiligen Sprache sagt, ist auch immer wichtig. Ich versuche schon, mir vorher die wichtigsten Infos zu besorgen. Hast du dich schon mal bewusst nicht über dein Reiseziel informiert, weil du dich ganz einfach überraschen lassen wolltest? Ich glaube, es wird immer Überraschungen geben, auch wenn man denkt, man wäre gut informiert. Das Eine hat da mit dem Anderen oft nichts zu tun. Als Musiker will ich eigentlich immer ein bisschen was über die Stadt wissen, in der ich spiele. Ich hatte allerdings mal einen Schlagzeuger, der diese Überraschungen geradezu gesucht hat. Wenn wir gerade nicht tourten, hat er sich eine bestimmte Tageszeit ausgesucht, wann er verreisen wollte, und dann ist er einfach zum Hauptbahnhof gegangen, ohne zu wissen, welche Züge dort wo hinfuhren. Irgendeinen hat er dann immer genommen, er fand das spannend. Was sollte auf keinen Fall in deiner Unterkunft fehlen? Große Fenster! Wenn es auch noch einen Balkon gibt – umso besser. Ich bin immer lieber draußen als drinnen. Und wenn’s gerade, wegen Regen zum Beispiel, nicht geht, dann sind große Fenster eine Möglichkeit, der Außenwelt nahe zu sein. Dauert es lange, bis du dich an einem für dich neuen Ort wohl fühlst? Das kommt immer auf meine Verfassung und den Ort an. Ich bin mal mit meinem Freund Jeffrey Lewis nach Porto gefahren, da haben wir uns wahnsinnig schnell wie zuhause gefühlt. Nach wenigen Stunden waren wir dort wirklich sehr glücklich. Und auf der anderen Seite könnte ich zwei Wochen in London verbringen und mich dort trotzdem nicht wohl fühlen, weil es zu stressig ist. Wie kriegst du die Zeit auf langen Reisen rum? An einem guten Tag schreibe ich dann einen Song. Dann sitze ich im Bus, und die Wörter und Reime fliegen mir einfach so zu, oder jemand anderes sagt etwas, woraus du was machen kannst, da gehört natürlich immer auch eine Menge Glück dazu. Ich mag es, unterwegs zu schreiben, und wenn ich dieses Glück beeinflussen könnte, würde ich gerne alle meine Songs auf Reisen schreiben. Gibt es einen Song auf eurem neuen Album „Next Year In Zion“, den du quasi auf der Straße geschrieben hast? Ich erinnere mich noch daran, wie ich eben „My Home Is Nowhere Without You“ geschrieben habe. Ich fuhr gerade durch Holland und war ein bisschen traurig. Draußen regnete es noch dazu, und ich sollte vor irgendeinem großen holländischen House-Act spielen. Ich habe stundenlang an dem Stück geschrieben, abends war es fertig, und ich konnte es direkt in die Show einbauen. Alles wurde doch noch gut. Das ist es, das wunderbare "My Home Is Nowhere Without You":

Macht zuviel Reisen traurig und einsam? Man kommt irgendwann an einen Punkt, an dem man sich sein Leben gar nicht mehr ohne das Reisen vorstellen kann. Dann wird mir das alles zuviel, und ich bekomme plötzlich auch noch das Gefühl, vor irgendetwas auf der Flucht zu sein. Ich muss irgendwo ein Zuhause haben – wo auch immer -, zumindest für einige Zeit, um dann weiterreisen zu können. Ich brauche immer irgendeinen Ort, an den ich zurückkommen kann. Findest du es als Dauerreisender überhaupt noch spannend, wenn jemand dir von seinem letzten Backpacker-Abenteuer erzählt? Lustig, dass du so was fragst. Viele meiner Musikerfreunde beschäftigen sich sehr oft mit solchen Fragen. Ich meine, unsere nötigen Reisen als Künstler könnten für jemand anderen genauso gut Abenteuer-Trips sein. Allein der Begriff „Trip“ ist sehr vielseitig. Mein Vater zum Beispiel sprach von einem Trip, als er den College-Abschluss machte. Und ein Freund von mir wanderte cross-country durch halb Amerika, das war ein großer Trip für ihn. Für mich ist ein Trip einfach nur eine von vielen Reisen, für mich fühlt sich ein Trip anders an. Es gibt andere Leute, die sehen in ihrem Leben nur sehr wenig von der Welt. Als ich noch jünger war, war ich in Kopenhagen und behauptete danach, es sei die tollste Stadt der Welt – weil ich nicht viel mehr als Kopenhagen kannte. Du rufst aus Paris an. Gibt es einen Ort, an dem du gerade lieber wärst? Venice, Kalifornien. Wegen der vielen schönen Momente, die ich dort erlebt habe, und auch wegen dem Beach-Boys-sort-of-Lifestyle. Ich habe viel Zeit in Kalifornien und speziell in Venice verbracht, als ich an "Next Year In Zion" geschrieben habe. "Next Year in Zion" von Herman Dune erscheint diesen Freitag auf CitySlang.

Text: erik-brandt-hoege - Foto: Label

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