Was muss ich über New York wissen, Grizzly Bear?

Ed Droste und Chris Taylor von der Indierock-Band Grizzly Bear sprechen über die Andersartigkeit ihrer Heimatstadt, die radikale Politik von Rudolph Guiliani und ihre Erlebnisse rund um 9/11.
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Stellt euch vor, ihr seid gerade weder auf Tour noch im Studio und habt einen freien Tag in New York. Wie macht ihr den perfekt? Chris: Immer, wenn ich einen freien Tag in New York habe, erkenne ich, was für eine tolle Stadt es ist. Der Central Park ist großartig, und es gibt unheimlich viele gute Museen. Diejenigen, die noch nie da gewesen sind, sollten sich zum Beispiel unbedingt mal das „P.S.1 Contemporary Art Centre“ angucken. Ed: Mein perfekter Tag beginnt mit einem Besuch meines Lieblings-Coffee-Shops am Morgen. Und wenn das Wetter es zulässt, fahre ich mit Freunden auf dem Fahrrad durch die Stadt und halte mittags an einem Restaurant. Besonders gut ist das thailändische und chinesische Essen in New York.

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Illustration: Julia Schubert

Ihr wohnt alle in Brooklyn – dem schönsten Stadtteil New Yorks? Chris: Auf jeden Fall! Und dem ruhigsten. Von Brooklyn aus ist es aber nicht weit in die City. Man muss nur über den schmutzigen Fluss rüber, das dauert keine zehn Minuten. Ed: Die Mieten in Brooklyn sind auch billiger. Selbst wenn man ein Haus haben möchte, ist das günstiger als anderswo in New York. In den letzten 15 Jahren hat sich Brooklyn auch äußerlich sehr verändert, viele Fassaden wurden neu gemacht. Alles sieht jetzt ein bisschen netter aus. "Central and Remote" Habt ihr euch nach 9/11 unsicher in New York gefühlt? Chris: Ja. An dem Tag, an dem es passierte, hörte man einfach überall in der Stadt Sirenen heulen. Durch alle Straßen fuhren Polizei-, Feuerwehr- und Krankenwagen. Ich war gerade auf dem Weg zu Schule, wo ich nie ankommen sollte. Ich stand am Union Square und hatte direkten Blick auf das World Trade Centre. In der Zeit nach 9/11 habe ich jedes Mal aufs Neue Angst bekommen, wenn ich eine Sirene hörte. Gibt es etwas an New York, das typisch amerikanisch ist? Ed: New York ist ganz anders als alle anderen amerikanischen Städte, auch viel fortschrittlicher. Und es ist sehr europäisch, wenn man sich auf die Kunst, Mode und Musik der Stadt konzentriert. In New York passiert einfach immer was, wohingegen sich andere große Städte eher provinziell darstellen. Sollten sich andere amerikanische Städte ein Beispiel an New York nehmen? Ed: Man sollte nicht von anderen Städten erwarten, dass sie sich an New York orientieren. Chris: Was in New York immer wieder auffällt, ist die generelle Freundlichkeit der Leute dort. Obwohl so viele Menschen aus den verschiedensten Kulturen zusammentreffen, kommen alle gut miteinander aus. In L.A. zum Beispiel klappt das nicht. Da spaltet sich alles, ganze Viertel werden isoliert. New York ist eine Einheit. Wenn ihr auf Tour seid, fühlt ihr euch als Repräsentanten von New York? Ed: Zumindest würde es uns sicher nicht einfallen, irgendetwas Negatives über New York zu erzählen. Chris: Es gibt schon eine Musik-Szene in Brooklyn, für die man steht. Die verschiedenen Bands treffen sich regelmäßig und spielen auch immer wieder etwas für die Alben der anderen ein. Es gibt auch keinen wirklichen Wettstreit untereinander, im Gegenteil. Jeder unterstützt jeden. Und da immer wieder neue Bands von außerhalb nach New York kommen, steht diese Szene auch nie still. New York ist ein echtes Mekka für Musiker. "Knife"

Wenn ihr Bürgermeister von New York wärt, was würdet ihr an der Stadt ändern? Ed: Ich würde eine Autosteuer in Manhattan einführen. Der Verkehr in der City ist unglaublich schlimm, vom dadurch entstehenden Lärm und der Umweltverschmutzung will ich gar nicht erst anfangen. Das öffentliche Verkehrsnetz ist so gut entwickelt, dass es eigentlich gar keinen Sinn macht, ständig mit dem Auto zu fahren. Chris: Ich würde an der New Yorker Polizei etwas verändern wollen. Die hilft den Leuten einfach nicht, wenn es nötig ist. Jedes Mal, wenn ich ein Problem hatte und sie brauchte, kam sie nicht. Einen Block von meinem Haus entfernt wurde einem Typen mal mit einer Bierflasche ins Gesicht geschlagen. Ich rief sofort die Polizei, die leider nicht kam. Ich musste ihn selbst ins Krankenhaus fahren. Ein anders Mal wurde in mein Auto eingebrochen. Wieder habe ich die Polizei gerufen, und wieder kam keiner. Die New Yorker Polizei macht nichts anderes, als den Leuten Park-Ausweise zu geben und sie fürs Pissen auf der Straße zu bestrafen. Die New Yorker Polizei ist einfach nutzlos - und trotzdem fühlt man sich in der Stadt total sicher. Ed: Ja, das stimmt. Interessant ist, dass New York als eine der fünf sichersten amerikanischen Städte gilt. Verglichen mit der Situation in den 80er-Jahren ist New York eine komplett neue Welt. Damals liefen einfach überall Junkies und Obdachlose herum, an jeder Ecke gab es Kriminalität. Ende der 90er Jahre ist etwas mit der Stadt passiert. Ich sage damit nicht, dass Guiliani und seine Methoden gut waren - aber er hat die ganze Stadt umgekrempelt und gesäubert. Chris: Dadurch ging allerdings auch viel von der Kultur New Yorks verloren. Die Mittelständler bekamen plötzlich immer mehr Macht, haben noch mehr Hochhäuser gebaut und die Stadt bürgerlich gemacht. Die City ist kein Spielplatz mehr. Ed: Aber nicht nur Guiliani hat die Stadt verändert – auch „Sex And The City“ (lacht). Als die Show rauskam, sind ALLE nach New York gezogen. Kennt ihr das New Yorker Ausgehverhalten wie in „Sex And the City“ – den Cocktail direkt nach der Arbeit und dann noch eine Fashion-Party hinterher? Ed: Ich mag es schon, kurz vor dem Abendessen in einer Cocktailbar zu sitzen und etwas zu trinken. In Clubs gehe ich aber nicht mehr, was wohl daran liegen mag, dass ich nicht mehr Single bin. Besonders am Wochenende gehe ich gar nicht mehr aus. Die Stadt ist dann so dermaßen überfüllt, und man trifft immer wieder auf die Bekloppten, die sich einfach nur abschießen wollen. Ich stehe mehr auf Dinner-, Fashion- oder Geburtstagspartys. Könnt ihr New York in einem Wort beschreiben? Ed: Spannend. Chris: Anders.

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Illustration: Julia Schubert

„Veckatimest“ von Grizzly Bear erscheint am 22.5. auf Warp Records.

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