Was muss ich über Techno und Berlin wissen, Tobias Rapp?

In seinem Buch "Lost and Sound" beschreibt der Autor Tobias Rapp die Clubkultur Berlins als "popkulturellen Idealzustand". Ein Gespräch über internationalen Partytourismus und die nie endende After Hour in der Hauptstadt
xifan-yang

Du gehst seit 19 Jahren in Berlin weg. Nutzt sich das nicht mit der Zeit ab? Nein, obwohl Weggehen ja nicht immer gut ist. Eigentlich ist man immer auf der Suche nach diesen magischen Augenblicken, dieser Komponente des Wahnsinns, die es nur nachts geben kann. Die findet man nicht immer. Aber wenn man sie mal findet, nimmt man es auf sich, immer wieder danach zu suchen. Welche Bedeutung hat Feiern für dein Leben? Eine sehr große. Oft wenn ich nachts unterwegs bin, habe ich das Gefühl, dass ich in diesen Momenten die echte Welt sehe, dass die Welt im Club die einzig reale ist. Bei Tageslicht betrachtet ist das natürlich totaler Quatsch. Aber das denkt, man wenn man mitten im Geschehen ist.

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Illustration: Julia Schubert

Du hast gerade ein Buch über die Berliner Technokultur geschrieben. Darin beschreibst du Techno als den „popkulturellen Idealzustand“. Was meinst du damit? In der Techno- und Houseszene kommen Dinge zusammen, die im Pop ziemlich selten sind. Und zwar ökonomische Unabhängigkeit und Erfolg. In anderen Genres ist das ja so: ist man musikalisch unabhängig, aber erfolglos, erklärt man es sich so, dass niemand die Kunst versteht. Auf der anderen Seite macht Erfolg ohne Unabhängigkeit blöd. Techno schafft es aber, Kompromisslosigkeit und Leidenschaft zu vereinen, ohne sich in die Tasche lügen zu müssen. Minimal Techno spricht mittlerweile auch Leute an, zum Beispiel in Indiekreisen, die vor einigen Jahren jegliche Art von elektronischer Musik noch als seelenlose „Maschinenmusik“ abgetan haben. Ich würde sagen: Die Wahrheit siegt. Nee, Quatsch. Ich glaube, Rockmusik hat immer etwas mit Vorstellungen zu tun gehabt, gegen Autoritäten ankämpfen zu müssen, selbst in der abgemilderten Form des Indierock. Heute kann man sehen, dass aber alle gesellschaftlichen Autoritäten an Macht verlieren, sei es Arbeit, Schule oder Familie. Die Idee, gegen diese Autoritäten anrennen zu müssen, war der politische Kern der Pop-, vor allem der Rockkultur. Dieser Gedanke verliert an Kraft. Techno ist eine Musik, wie übrigens auch Hiphop, die jenseits solcher Kategorien funktioniert. Und zwar wie? Ich versuche in meinem Buch den Erfolg der Berliner Technokultur entlang der After Hour zu erklären. Es gab schon immer tausende Popsongs über das Wochenende. Das Wochenende ist das Gegenteil der Woche. Wenn du aber keinen normalen Beruf hast und unregelmäßig Aufträge abarbeitest, macht diese Idee von Wochenende keinen Sinn mehr. Afterhour ist dann immer, egal ob donnerstagmorgens oder Montagnachmittag. Und deshalb ist Berlin, die Stadt des kreativen Prekariats, zur internationalen Partyhauptstadt geworden? Diese Afterhour-Entwicklung sieht man überall in der westlichen Welt. Aber besonders in Berlin, weil diese Stadt mehr als andere im Arsch ist. Hier haben nach der Wende alle Fabriken und Büros dicht gemacht. Einer der wenigen funktionierenden Bereiche ist die selbstständige Kulturtätigkeit. Hier hat die Partykultur eine sehr geräumige Nische bezogen. Als „Easyjetset“ beschreibst du das Phänomen, dass man mittlerweile aus ganz Europa mit dem Billigflieger für ein Wochenende in die Stadt kommt, um in den Berliner Clubs zu feiern. Es gibt Statistiken im Berliner Senat, nach denen mehr Touristen wegen den Clubs nach Berlin kommen als beispielsweise wegen der Museen oder der Theaterlandschaft. Diese Partyszene ist das neue Berlin. Es ist zwar eine Kulturnische, aber eine, die die Stadt nachhaltig prägt. Gleichzeitig tut sich deiner Meinung nach die Stadt selbst schwer mit diesem Phänomen. Als ich für mein Buch recherchiert habe, war ich erstaunt, wie wenig viele Berliner darüber Bescheid wissen, dass hier gerade die aufregendste Partyszene in Europa stattfindet. Obwohl sie direkt um die Ecke wohnen. Berliner Musikjournalisten schreiben lieber über eine neue langweilige Indieband aus Großbritannien, haben aber keine Ahnung von Elektronikmusikfritzen aus der Stadt. Die Berliner Radiosender spielen alles Mögliche, aber für House und Techno gibt es nur Spartensendungen. Dagegen kommen so viele Leute aus England, Schweden oder Spanien her, die genau wissen, wer hier in welchem Club auflegt und was hier gerade angesagt ist. Ich nenne das die „europäische Technoöffentlichkeit“. Sie funktioniert hauptsächlich übers Internet. Der Technomusiker Paul Kalkbrenner, Hauptdarsteller des Films „Berlin Calling“, sagt, dass die derzeitige Berliner Techno-Welle schon längst seinen Zenit überschritten hat. Ist das so? Das ist typisches Künstlergequatsche. Vielleicht ist klassischer Minimaltechno tatsächlich an sein Ende gekommen. Die Musik verändert sich heute alle paar Monate. Allerdings glaube ich nicht, dass der Rahmen, in dem man feiert, sich groß verändern wird. Clubs wie das Berghain, das Watergate oder das Weekend wird es in fünf Jahren immer noch geben. Wegen der Finanzkrise könnte es höchstens sein, dass manche kein Geld mehr haben werden, um nach Berlin zu fliegen. ***

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Illustration: Julia Schubert

Tobias Rapp war Musikredakteur bei der taz und ist Kulturredakteur beim SPIEGEL. Das Buch „Lost and Sound – Berlin, Techno und der Easyjetset“ erschien beim Suhrkamp Verlag.

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