Ein Adjektiv, das ihnen für ihren Vater einfällt? Einnehmend. Sie haben ein ziemlich offenes Buch über ihre Familie geschrieben, hatten Sie keine Hemmungen, diese Dinge zu veröffentlichen? Das Buch umfasst einen Zeitraum von fünf Jahren, die fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters. Ich erzähle, wie ich nach und nach auf Fragen stieß wie: Weshalb weiß ich sowenig über ihn? Was lässt sich im nachhinein herausfinden? Weshalb ist es so schwierig, sich mit seinen Eltern, seinem Vater zu verständigen? Das sind Fragen, die nicht nur ich mir stelle. Persönliches erzähle ich nur soviel, wie es die Geschichte verlangt. Hat das geklappt, konnten sich die Leser mit der Suche nach den frühen Spuren des Vaters identifizieren? Ich bekomme sehr starke Reaktionen, die meisten mit dem Tenor: 'Während und nach der Lektüre habe ich mich gefragt: Was weiß ich eigentlich über meinen Vater, meine Mutter, meine Eltern? Und weshalb ist das so wenig?' Nicht jeder Vater ist also einzigartig - es gibt auch eine Art typische Vaterfigur, oder? Wenn man einen Vater hat, der jetzt um die 80 ist, also der sogenannten Flakhelfer-Generation angehört, die später auch „45er“ genannt wurden, kann man feststellen, dass ihn mit anderen Männern in diesem Alter vieles verbindet. Weil das, was sie mit 15, 16 erlebten, ihr Leben entscheidend geprägt hat, zugleich aber nicht daran gehindert hat, in ihrem Leben einiges auf die Beine zu stellen.

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Auch der Umgang zwischen Sohn und Vater ähnelt sich doch in vielen Familien. Wie war das bei Ihnen? Nicht viel anders als bei anderen auch. Als kleiner Junge war der Vater der rundum bewunderte Held, der alles weiß und kann. Sobald ich meiner eigenen Wahrnehmung traute, bekam dieses Bild erste Risse und Dellen. Bis der Vater in meinen Augen auf Normalgröße geschrumpft war und ich mich auf Augenhöhe fühlte, schließlich kam der Kampf um Unabhängigkeit. Ansonsten: überzogene Erwartungen, schlechtes Gewissen, unvermeidliche Rituale. Alles in allem also ein ziemlich normales Verhältnis. Von Außen betrachtet könnte man meinen, dass der Umstand, dass ich wie er Journalist wurde, zu größerer Verbundenheit geführt hätte. War aber nicht so. Wir sprachen so gut wie nie über Journalismus. Also wie bei den meisten irgendwie: Man telefoniert, trifft sich ab und zu. Das Verhältnis zu unseren Eltern wird eigentlich ziemlich oberflächlich, wenn wir selber erwachsen werden, oder? Rituale spielen von einem bestimmten Zeitpunkt an eine immer größere Rolle. Telefonate, Geburtstage, Gespräche, immer nach dem selben Muster. Wie geht’s? Deiner Freundin? Im Job? Ein paar Einschätzungen zur Lage in der Bundesliga und Formel 1, schließlich ein bisschen Besorgnis, sowie der ein oder andere ungebetene Rat. Wenn die Familie sich traf, war das bei uns oft wie ein Theaterstück. Jeder spricht, jeder von etwas anderem, keiner hört dem anderen zu. Eine irrwitzige Abfolge von Kommentaren, Gelächter, Anspielungen, Weisheiten und verschluckten Antworten. Man bekommt in der Beziehung zu seinen Eltern doch so eine jahrzehntelange Routine, in der gewisse Schwellen nicht mehr übertreten werden. Ja, erstaunlich wie sich das verselbständigt. Auf einmal stellt man fest, dass man über viele spannende Fragen nie oder viel zu selten gesprochen hat. Bei mir kam hinzu, dass mein Vater und ich eigentlich ziemlich ideale Voraussetzungen hatten: Wir hatten kein schwieriges Verhältnis, wir waren beide in der Lage, Gedanken und Gefühle in Worte zu kleiden, und beide nicht eben verschlossen. Und trotzdem hat’s dazu nicht gereicht. Warum bleibt das zeitlebens so schwer, mit seinen Eltern mal ernstere oder eben andere, persönliche Themen anzuschneiden? Es bedarf bei manchen Fragen schon enormer Hartnäckigkeit, um ins Gespräch zu kommen. Ich sehe etwa genau meinen Vater vor mir, als ich ein paar Mal versucht habe mit ihm über seine Zeit im Krieg zu sprechen. Er fing an, etwas zu erzählen, bis er an einer Stelle abbrach und sich seine Lider senkten. Weiter kam er nicht. Ob er nicht konnte oder nicht wollte, ich weiß es nicht. Man hätte schon ein ziemlicher Trampel sein müssen, um in einem solchen Moment weiterzubohren. Da muss man sich schon sehr sicher sein, zu welchem Preis man seine Wissbegier stillen möchte. Wie wichtig ist es denn überhaupt, dass auch über unangenehme oder eben verdrängte Sachen gesprochen wird? Das muss jeder selbst herausfinden, ob und welche Bedeutung es für ihn hat. Da lassen sich keine Regeln aufstellen. Nur weil etwas unangenehm ist, ist es ja nicht automatisch wichtig. Was war das Schlimmste am Tod ihres Vaters? Nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein. Klar, man weiß, dass eines Tages mit dem Tod der Eltern zu rechnen ist. Er aber starb völlig unerwartet und ich hatte das Gefühl, etwas versäumt zu haben. In den Wochen zuvor hatte er ein paar Mal versucht mich zu erreichen und wollte wohl über Dinge sprechen, über die wir nie gesprochen hatten. Vergeblich. Wie ging’s dann weiter? Erst mal gab es viel zu klären. Wie begraben wir ihn, was würde er wollen, was nicht? Er hatte dazu nichts hinterlassen. Wahrscheinlich war seine Absicht, dass wir das tun, was wir für richtig halten. Ist ja auch kein schlechter Gedanke. Ihre Schwester hat anders getrauert als Sie, das beschreiben Sie auch. Ja, das Verhältnis, das wir zu unserem Vater hatten bildete sich dabei ziemlich genau ab. Wir hatten einige Auseinadersetzungen in dieser Zeit, die letztlich aber sehr fruchtbar waren. Wieso tut man sich als Sohn so schwer zu sagen, dass man seinen Vater liebt? Bei der Mutter geht einem das doch irgendwie leichter über die Lippen. Bei aller Zuneigung, die Väter Söhnen entgegen bringen und Söhne den Vätern: Liebe trifft einfach nicht das, was beide am stärksten verbindet. Wenn sich die Bewunderung des Sohns erst mal gelegt hat und der Vater seine Heldenrolle los ist, geht es um Respekt und Rivalität. Ein Punkt, mit dem Väter oft nicht klarkommen. Ziehen sich Väter, wenn sie ihre Heldenrolle eingebüßt haben, nicht auch einfach zurück und sitzen vor allem stumm am Tisch, während Mütter doch eher noch versuchen, am Leben ihrer Kinder teilzunehmen oder zumindest ihnen rein zu reden? Dieses Verstummen der Väter ist, glaube ich, schon ein spezielles Kennzeichen der Väter, deren Leben von Kriegserlebnissen geprägt war und hat in vielen Fällen ja tatsächlich mit einem Nicht-darüber-sprechen-können zu tun. Was nicht heißt, dass jüngere Väter niemals stumm sind, nur eben nicht in dem Maße. Dazu kommt etwas anderes: Der Generation der heute 80-Jährigen und ihren Kindern fehlt es wie keiner anderen an gemeinsamen, vergleichbaren Erfahrungen. Wenn ich mir ansehe, was mein Vater mit 17, 18 erlebt hatte und was ich, muss man sich nicht wundern, dass Gespräche jenseits des Eingeübten bisweilen schwer fielen. Wer dagegen heute 15, 16 ist und Eltern hat, die Anfang vierzig sind, wird sich da bedeutend leichter tun. Sie haben nicht nur über ihren Vater recherchiert, sondern auch über ihre Großeltern, die Sie gar nicht mehr kannten. Warum? Weil es sehr aufschlussreich sein kann, sich selbst aus der Geschichte der eigenen Familie zu verstehen. Etwa zu sehen, aus welchen Motiven Eltern und Grosseltern Entscheidungen getroffen haben, was sie bewegte, oder womit sie zu kämpfen hatten und zu erkennen, ob man mit bestimmten Ansichten in einer Tradition steht, Prägungen stattgefunden haben oder wo man einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Spannend auch zu begreifen, dass auch mein Vater ein Sohn war - und manches seiner Motive ein Reflex auf seinen Vater war. Ich fand etwa Briefe meines Großvaters an meinen Vater, die teilweise wortgleich waren mit Sätzen, die mein Vater mir manchmal auf die Mailbox gesprochen hat. Als Kind findet man die Eltern irgendwann doch auch, naja, begrenzt, man kennt sie einfach in- und auswendig und erwartet nichts mehr von ihnen. Ist das falsch? Man glaubt sie zu kennen, weil sie so vertraut sind. Das Spannende aber ist doch, dass man seine Eltern erst zu einem Zeitpunkt kennen lernt, wenn ihr Leben etwa bereits zur Hälfte vorbei ist, wenn sie Mitte dreißig oder vierzig sind. Von diesem Zeitpunkt an bekommt man natürlich einiges mit und wird bestenfalls Experte ihres Lebens. Aber was ist mit all dem, was davor geschah? Da ist man darauf angewiesen, was sie freiwillig erzählen, man sieht Fotos und hört Familienlegenden. Das ist in der Regel genau die Zeit, in der Eltern zu denen werden, als die wir sie kennenlernen. Ziemlich aufschlussreich etwa war es, als ich ein Tagebuch meines Vaters gefunden hatte, das er mit 17 schrieb. Es ist das Dokument eines 17-Jährigen auf der Suche nach Identität, nach Falsch und Richtig, der sich pausenlos Gedanken macht über Mädchen, Lehrer, Freunde, was er werden soll und wohin es geht. Das hat ihn mir von einer Seite gezeigt, die ich so nicht kannte. Was haben sie letztlich aus diesem Todesfall und der Spurensuche für sich selber gelernt? Werden sie ihren Kindern alles erzählen? Nein, das sollen sie mal schön selbst herausfinden, was ich Ihnen vorenthalten habe. Auf einmal war er nicht mehr da von Philip Reichardt ist bei Luchterhand erschienen und kostet 19,95 Euro.

Text: max-scharnigg - Foto: Holly Pickett