Die Zauber-Räuber: ridit will Entspannung verschenken

Ein neues Webangebot verspricht seinen Nutzern, nie mehr Glückwunsch-SMS zu vergessen. Das kann aber auch nach hinten losgehen
dirk-vongehlen

Ja, es ist schön, wenn Menschen am Geburtstag an einen denken. Ja, man freut sich über Glückwunsch-SMS und ja, man ärgert sich, wenn man selber einen Geburtstag vergessen hat. Und trotzdem: Nein, das Angebot von ridit.de wirkt nicht sympathisch. Und das liegt nicht nur daran, dass die Seite mit dem wenig griffigen Slogan "Das Internet-Portal für den automatischen & zeitgesteuerten SMS- und E-Mail-Versand, z.B. zu Geburtstagen, Weihnachten und Silvester" wirbt. ridit bietet einen tollen Service, ridit verhindert, dass man einen Geburtstag vergisst, ridit nimmt an beliebigen Tagen Nachrichten an und verschickt sie zum gewünschten Datum. Aber ridit begeht auch einen Diebstahl: ridit raubt der Geburtstags-SMS den Zauber, der entsteht, weil man merkt: „Jetzt gerade denkt jemand an dich, jetzt gerade bist du im Leben eines Freundes oder auch nur entfernten Bekannten wichtig.“ Stattdessen werden wir uns dran gewöhnen müssen, dass die nächste Gebutstags-SMS, die im Telefonspeicher landet nur noch sagt: „Du bist nicht vergessen worden.“

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Illustration: Julia Schubert

Aber das ist auch fast nichts mehr wert, denn selbst das Vergessen wird von ridit geraubt. „Einfach alle Nachrichten und Erinnerungen dann schreiben, wann es dir passt“, wirbt die Seite, „Dazu das gewünschte Sendedatum mit Uhrzeit einstellen und fertig ist dein rid!“ Als rid bezeichnen die Macher die beauftragten Nachrichten. So erklärt sich der Name, der sich vom englischen „get rid of it“ ableitet. Ein Ausdruck, der das, wovon man sich trennt, was man los werden will, nicht unbedingt positiv bewertet. ridit hilft dir den Erinnerungs-Scheiß loszuwerden, lautet die ehrliche Übersetzung. Ja, das ist eine gute, vielleicht auch eine notwendige Aufgabe. Ja, vielleicht lohnt es sich sogar, dafür die bis zu 29 Cent zu zahlen, die die Site nach Anmeldung pro SMS verlangt. Aber trotzdem: Nein, dieses Angebot löst nicht alle Probleme. Im Gegenteil, ab sofort muss man sich bei jeder Geburtstagsnachricht viel mehr fragen: Wieso denkt die jetzt ausgerechnet an mich? Der Wert dieser Glückwunsch-Botschaften sinkt – und stellt die Versender auch vor Probleme. Was, wenn die Nachricht genau fünf Minuten nachdem man sich zufällig persönlich auf der Straße getroffen hat, ankommt? Was, wenn zwischen dem Tag, an dem man die Nachricht im Netz eingibt und dem Versand ein böser Streit entbrannt ist? Man muss sich gar nicht mögliche individuelle Horror-Szenarien ausmalen, die durch ridit entstehen können, um sicher sagen zu können: Das Versprechen „Hol dir die Entspannung“, mit dem die Seite wirbt, wird sicher nicht eingelöst.

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