Eine kleine Geschichte des YouTube-Humors

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Es war mal ein junges Mädchen, das hieß Angie. Jedenfalls sagte sie das. Sie filmte sich dabei und stellte den

(gefunden z.B. bei grinsekatzejulie) Anfang Januar bei YouTube ein. Darin sieht man Angie, die vor einem Computer sitzt, von ihrer Sympathie für die Band Tokio Hotel berichtet und sich selbst als „stolzer Fan“ bekennt. Das Ganze dauert fast zwei Minuten und besticht durch ein hohes Maß an naiver Ahnungslosigkeit, die in absurden Beschimpfungen so genannter „Tokio Hotel Hasser“ gipfelt, denen Angie u. a. erklärt: „Wenn Ihr meint, die seien schwul, dann seid Ihr selber schwul.“

Damit wäre die Geschichte von Angie und Tokio Hotel eigentlich zu Ende erzählt. Eine digitale Belanglosigkeit, bestenfalls ein Ärgernis in der beschränkten Verwendung des Wortes „schwul“. Doch Angies Video ist mehr. Es ist ein guter Beleg dafür, wie YouTube (dessen Aufstieg ziemlich genau vor einem Jahr begann) die Art verändert hat, wie wir Videos im Web anschauen. Und es belegt, wie sich dadurch auch die Aufmerksamkeitsschwelle verschoben hat, für das, was wir lustig, interessant oder zumindest reaktionswürdig empfingen. Denn Angie blieb nicht lange allein. Binnen kurzer Zeit tauchten jede Menge Antworten auf ihren Clip auf:

(klugscheißend),

(musikalisch),

(dümmlich),

(dicklich) oder

(gruselig) versuchten sich in Reaktionen oder Parodien auf das, was seine ohnehin geringe Qualität doch allein daraus zieht, dass es unkommentiert und unreflektiert angeschaut werden kann. Angies Ansage an die Welt funktioniert wie eine Talkshow am Nachmittag. Man kann sie anschauen, sich ein bisschen für die Protagonisten schämen und selber verdammt clever fühlen. Das geht allerdings nur so lange gut, wie man es nicht öffentlich sagt. Denn sonst ist man plötzlich alles andere als clever, sondern ein selbstgerechter Idiot. Liefe nach der Oliver-Geißen-Show eine Sendung, in der Menschen zu Wort kommen, die die Oliver-Geißen-Show „echt voll peinlich“ finden, man hätte plötzlich Mitleid mit „Ollis“ Talkgästen und fände sie auf einmal sympathisch. An den Feinden eines Menschen kann man eine Menge über den Menschen lernen: Deshalb muss man Angie jetzt sympathisch finden, eben wegen ihrer klugscheißenden, musikalischen, dümmlichen, dicklichen und gruseligen Gegenspieler. Warum aber erregt ein junges Mädchen, das nicht gerade wortgewandt seine Sympathie für eine Band via Video in die Welt rausträgt, überhaupt so eine große Aufmerksamkeit? Ein Blick in die (kurze) Geschichte des Webvideos beweist es: 1. Das Scheitern Fremder (die frühe Phase) Sicher, der Anfang liegt weit früher, wir beginnen unsere Untersuchung aber der Einfachheit halber mit dem Zeitpunkt, als drei Jungs aus Rheinland-Pfalz das „ Sonnenlischt “ erblickten. In dieser frühen Phase des YouTube-Lachens war es noch ein echter Brüller, drei Menschen zu beobachten, die offenbar ernsthaft der Meinung waren zu rappen. Man verschickte grinsend den Link und lachte. Ja, man lachte diese drei Jungs aus – allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als sie bei TV-Total auftraten. Spätestens da erlebte der YouTube-Humor einen Umbruch, es begann: 2. Das Können der Experten (die mittlere Phase) Eine Phase des Übergangs. Zwei Stränge treffen sich hier: Einerseits entdeckten Profis das Medium und befüllten die YouTube-Mattscheibe (zumindest wissentlich tolerierend) mit ihrem professionellen Material. Der

des kleinen Arschlochs oder

sind die bekanntesten Werke dieser Epoche. Auch die Entscheidung von spiegel.de, Ehrensenf in sein Angebot einzubauen, kann hier datiert werden. Diese Phase zeichnet sich aber anderseits auch dadurch aus, dass talentierte Amateure in intensives Training gingen. Ihren Durchbruch erlebten diese dann in der folgenden Epoche, in: 3. Das Können Fremder (die Hochzeit) Es war die gute Zeit des YouTube-Humors. Manchmal bemerken wir das noch heute, obwohl der Niedergang unbestreitbar ist. Menschen wie du und ich zeigen etwas, das besser ist als das, was du und ich gemeinhin können. Sie singen lippensynchron, tanzen gekonnt oder erfreuen uns durch gut gemachte Witze. Die bekanntesten Clips dieser Epoche stammen von Lynne und Tessa, zwei Abiturientinnen aus Frankfurt, die gekonnt Lieder nachsangen. Die jetzt.de Web-Music-Awards können genauso in dieser Phase datiert werden, wie unsere Webcharts oder die Clip-Kolumne bei sueddeutsche.de. Doch das Internet und hier vor allem seine Nutzer waren schneller. Sie kommentierten, sie neideten, sie meckerten – das Ergebnis: der Niedergang des YouTube-Humors. Deshalb prophezeien wir: Die Wiederauferstehung Max Schautzers. 4. Das Scheitern Fremder (Zukunft) Zurück auf Anfang. Diese Phase dämmert schon herauf – und Angie ist der beste Beweis. Wir werden wieder über das Scheitern anderer lachen – und zwar mit gesteigertem Schenkelklopfen (also lautstarken Kommentaren). Das ist einerseits schade, andererseits verhilft es dem Grandsigneurs des Versagens Max Schautzer zu einem Comeback. Der „legendäre Moderator“ der Sendung Pleiten, Pech und Pannen zeigte schon Homevideos von Menschen, die von einer Leiter fallen, als die beiden YouTube-Gründer Steven Chen und Chad Hurley noch nicht geboren waren. Eins war damals aber besser als heute: Schautzer stellte sich nicht halb so dämlich dabei an, wie all die Hilfsmoderatoren, die jetzt Clipsendungen im Fernsehen begrinsen. Diese Aussichten sind trostlos, aber realistisch. Denn leider gibt es zu wenige Menschen wie dieses famose Geschwisterpaar, dem es in

nicht mal zwei Minuten gelingt, die Zukunft des YouTube-Humors zu retten – indem sie das eigenen Scheitern dokumentieren. Das ist nicht nur sehr lustig, es zeigt auch den ganzen Horror, den es bedeutet, eine ältere Schwester bzw. jüngeren Bruder zu haben. Wenn so etwas gelingt, kann man auch in Zukunft auf YouTube lachen – eben über das eigenen Scheitern. Mehr zum Thema im jetzt.de-Schwerpunkt Bewegte Bilder im Netz

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