Anne in New York: "Ich will Obama sehen."

Anne Fromm hat den jetzt.de-Schreibwettbwerb zum Weltarmutsgipfel der UN gewonnen. Jetzt ist sie vor Ort und erzählt, wie sich zum Abschluss des Gipfels Politiker in Rockstars verwandeln.
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Ich starte den letzten Gifpeltag in der Digital Media Lounge. Esther Brimmer ist live per Skype zugeschaltet. Sie ist die Assistant secretary of State, die zweitwichtigste Person im Außenministerium der USA nach der Ministerin Hilary Clinton. Brimmer grient fröhlich in die Kamera und gibt einen Vorausblick auf die Rede von Obama heute Nachmittag. Amerika wolle den Fokus seiner Entwicklungshilfe ab jetzt auf „ergebnisorientierte“ Finanzierung legen. Ergebnisorientert. Das hatte Angela Merkel gestern in ihrer Rede auch gesagt. Was genau heißt das, bezogen auf die Entwicklungspolitik: „Ab jetzt geben wir nur noch Geld für Projekte aus, die erfolgreich sind?“ oder „Ab jetzt fangen wir an, wirkungsvolle Entwicklungspolitik zu machen?“.

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Illustration: Julia Schubert

Am Morgen gibt Esther Brimmer aus dem amerikanischen Außenministerium in einer Skypeschalte einen Vorausblick auf Obamas Rede am Nachmittag. Eine Mail vom Auswärtigen Amt informiert mich darüber, dass der Außenminister Guido Westerwelle heute Mittag, nach Gesprächen mit anderen Staatschefs, fünf Minuten für O-Töne bereit steht. Ich bin eine halbe Stunde eher da, da sitzen schon 20 Journalisten vor dem Gebäude. Das Warten auf die Politiker erscheint mir eher wie ein Warten auf Rockstars. Die Frage eines Reporters, ob das hier das E3+3 oder das P5 Meeting sei, kann ich nur mit einem inkompetenten, lang gezogenen „ähhhh“ beantworten. Ich habe mich in den letzten Tagen an einige Abkürzungen gewöhnt, aber E3+3 oder P5 kann ich mir nicht zusammenreimen. Plötzlich ruft Einer: „Achtung, da kommt Churkin.“, aber da ist der russische Botschafter auch schon im Gebäude, ohne das irgendjemand ein Bild hätte erhaschen können. Dann geht es los, Delegationen von Menschen mit dicken Aktentaschen kommen aus dem Hotel. Wer wichtig ist, merke ich daran, auf wen sich die Kameras stürzen. Zum Beispiel Kouchner, den französischen Außenminister. Kamera drauf – Klick, klack – und weiter.

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Illustration: Julia Schubert

Die Presseteams versuchen, den französischen Außenminister, Bernard Kouchner, einzufangen und auszufragen. Dass ich mich beim heiteren Personenraten nicht auf die Kollegen verlassen kann, merke ich schnell. „Wer war der Typ im blauen Anzug?“, fragt Einer. „Das müsste der Brite gewesen sein, frag mich aber nicht nach seinem Namen“, erwidert ein Anderer. Das Gerücht geht um, dass Hillary Clinton noch im Saal ist. Guido Westerwelle ist auch noch nicht raus. Nach einer halben Stunde löst sich die Kameraansammlung auf. „Die kommen heute nicht mehr“, stöhnt Einer, hievt das Stativ auf die Schulter und geht. Später stehe ich im Hauptgebäude der UN. Um 14.30 Uhr werden die Tickets für die Nachmittagssitzung ausgegeben, wenn Obama sprechen wird. Die Minuten vor 2.30 Uhr sind angespannt. Fast wie Silvester, warten auf den Countdown. Rund um den Media Desk sitzen tickethungrige Journalisten - Raubtiere, zum Absprung bereit. Um kurz vor halb Drei beginnt das große Gedränge. Es gibt 59 Karten, mindestens fünf mal so viele Journalisten, die eines haben wollen. Als ich an der Reihe bin, heißt es: „Sorry, Tickets nur für Permanentkorrespondenten.“ Ich werde den Klischees meiner Heimat gerecht und rege mich tierisch auf: „Was für eine Frechheit, so was unfaires, wer macht denn hier die Hierarchie?“ ICH WILL OBAMA SEHEN! Ich lasse mich nicht abwimmeln und bleibe neben dem Media Desk stehen, während andere ihre Tickets bekommen. Ich lasse die Pressefrau nicht aus den Augen. Mein Blick wechselt zwischen empört, bedrohlich und bemittleidenswert. Schließlich drückt mir die Frau, völlig entnervt, ein blaues Ticket in die Hand. Hartnäckigkeit, die sich auszahlt. Vor der Sitzung gehen Sicherheitsbeamte mit Hunden durch den Saal und in jede Ecke. Dann ist Einlass. Die Tribüne und der Versammlungssaal sind dicht gefüllt. Obama soll als viertes sprechen, verspätet sich aber. Unruhe macht sich breit. Die Chefs von Macronesien, China, der Mongolei, Peru, Großbritannien und Bosnien-Herzegova werden vorgezogen. Kaum jemand hört ihnen zu. Handys klingeln, Zuschauer schwatzen oder lesen Zeitung. Mit einer Stunde Verspätung schallt es dann endlich vom Podest: „I have the honour to announce the President of the United States of America. Mister Barack Obama“ Applaus, als er den Saal betritt. Das wurde bisher Niemandem zuteil. Mit ernster Miene tritt er ans Pult. Es wird totenstil. Das Publikum hängt an Obamas Lippen.

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Illustration: Julia Schubert

Endlich ist es soweit: Barack Obama spricht. Obama stellt den neuen Entwicklungshilfeplan der USA vor. „Wir haben die Definition von Entwicklung geändert. Was wir bisher gemacht haben, war keine Entwicklung, sondern Abhängigkeit schaffen.“ Auch er nennt sie wieder, die Eigenverantwortung der Staaten. „Nachhaltigkeit“ sei das Wort der Stunde, also nicht nur die Finanzierung der Aids-Medikamente, sondern auch die Finanzierung der Aids Forschung. Zwischenapplaus. Und dann, sagt er, baue Amerika auf eine übergroße Macht. Die Macht, die Länder von Brasilien bis Indien nach oben geholfen hat. Die Macht, die die Lösung aller Probleme sein kann. Die Macht, ohne die Entwicklungshilfe nutzlos ist. Und während er das sagt, fiebert das Publikum der Lösung entgegen, dieser geheimen Macht. „Die Macht, sie nennt sich Wirtschaftswachstum“. Obama versteht es, Spannungsbögen aufzubauen, die Zuhörer zu begeistern, für sich einzunehmen. Während der 20-minütigen Rede schaut er nicht einmal in sein Skript. Er klingt absolute überzeugend. Und als er am Ende sagt: „We can do this. Together we can realise the future that no one can reach alone,“ läuft mir Gänsehaut über den Rücken. Für einen kurzen Moment wird die Illusion greifbar. Der Applaus will gar nicht abreißen. Mit seinem neuen Entwicklungsplan dürfte er auch die letzten Skeptiker im Saal überzeugt haben. Als der Präsident hinter der Wand verschwunden ist, entsteht Unruhe. Die meisten springen von ihren Plätzen auf und strömen in Richtung Ausgang, Die Rede von Japans Premier, Naoto Kan, geht im Getummel unter. Irgendwie tut mir das Leid, aber auch ich gehe, völlig euphorisiert von Obama. Eigentlich hat er ähnliche Dinge erzählt wie Angela Merkel. Aber die Art, wie er sie erzählt hat, wie er seine Worte gewählt hat, wie er gesprochen hat, wie er aufgetreten ist, das alles war tausend Mal beeindruckender als bei der deutschen Kanzlerin.

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