Wir haben verstanden: Von Junkies und Butterkeksdieben

In unserem neuen digitalen jetzt-Magazin haben wir 100 Dinge gesammelt, die wir 2013 begriffen haben. Hier ein kleiner Vorgeschmack.
jetzt-redaktion
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Illustration: Julia Schubert


Jahresrückblicke haben in aller Regel das Anliegen, eine Antwort auf folgende Frage zu liefern: „Was war dieses Jahr wichtig?“ Das ist gut. Aber wir finden, dass eine andere Frage mindestens genauso wichtig ist: „Was haben wir verstanden?“ Deshalb haben wir ein digitales Magazin mit einer Liste gemacht: 100 Dinge, die wir 2013 begriffen haben. Einen Auszug daraus findest du hier - darum sind die Punkte auch nicht immer fortlaufend nummeriert. Das komplette digitale Magazin für Tablets und Smartphones mit allen 100 Punkten kannst du mit der kostenlosen App der Süddeutschen Zeitung herunterladen. Du kannst es für nur 89 Cent kaufen; für Abonnenten der Digitalausgabe der SZ ist das Magazin kostenlos.

Wir haben verstanden:

1. Voll die gute Witzquelle: niemals eröffnende Flughäfen.

2. Lance Armstrong hat bewiesen: Karrieren können mehr als vorbei sein. Sie können auch nie stattgefunden haben.

3. Junkie zu sein ist der härteste Job der Welt.
Eine gute Geschichte braucht keinen Schnickschnack. „Shore, Stein, Papier" ist der Beweis. In dieser YouTube-Serie sitzt ein tätowierter Typ am Tisch. Alleine. Nur er und ein Feuerzeug, ein Aschenbecher, eine Kippe, eine Tasse Kaffee. Man erfährt in mehr als 100 Folgen nicht mal seinen Namen. Aber er erzählt eine gute Geschichte. „Junkie", das hieß für mich bisher nur: ein Heroinsüchtiger. Seit ich jeden Mittwoch ein paar neue Folgen Shore, Stein, Papier anschaue, weiß ich, was für ein harter Job das ist. Der Begriff hat sich mit Leben gefüllt, mit dem – ziemlich beschissenen – Leben dieses namenlosen Ex-Junkies in der Küche. Ein verhasster Stiefvater, das erste Heroin (er nennt es Shore) mit 13. Sucht, Obdachlosigkeit seit dem 18. Geburtstag, Verhaftung, Ausbruch aus dem Knast, Einbrüche mit enormer Beute, deren Erlös sofort wieder in Form von Drogen in die eigene Blutbahn wandert. Was der Namenlose so schonungslos ehrlich und detailreich erzählt, ist manchmal deprimierend und widerlich, dann erträgt man es nur, weil man weiß, dass alles gut ausgehen wird (sonst säße er ja jetzt nicht am Küchentisch). Kurz darauf aber grinst man, weil der Namenlose selbst über die Skurrilität und absurde Komik seines eigenen Lebens lacht. Shore, Stein, Papier ist überraschend, mitreißend, emotional und lehrreich. Eine gute Geschichte eben.
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http://www.youtube.com/watch?v=8jGNTaDxYj4

5. Die Robin Hoods des 21. Jahrhunderts klauen einen goldenen Bahlsen-Butterkeks.

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Illustration: Julia Schubert


6. Der Harlem Shake ist mehr als ein Hiphop-Move (Wir haben ihn im Büro trotzdem nicht getanzt).

7. Nicht nur bei Doktorarbeiten wird plagiiert. Parlamentarier schreiben auch bei Gesetzestexten ab – von Lobbyisten.
Der Journalist und Blogger Richard Gutjahr sagte im Februar zu jetzt.de: „Über Fußnoten in einer 30 Jahre alten Doktorarbeit wird wochenlang diskutiert. Aber wenn Abgeordnete ein Gesetz schreiben, das die Privatsphäre von 500 Millionen Menschen für die nächsten 15 Jahre regelt, dann verlangen wir keine Fußnoten und Nachweise, wer da eigentlich von wem abschreibt? Das ist doch ein bisschen schräg.]christian-helten[/link]

8. Früher war natürlich nicht alles besser – aber die Brezn schon.

9. Menschen, die sich lustig und ironisch finden, verwenden auch 2013 immer noch gerne das Pronomen „diese/r/s" – zum Beispiel so: „dieses Internet". Oder so: „diese Bologna-Reform".

10. Der Gewinner von „Irak sucht den Superstar“ lebt in Bad Mergentheim.



11. Das Profilbild ist eine Protestform.

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Illustration: Julia Schubert


Zwei rosa Striche auf rotem Grund: Das quadratische Gleichheitszeichen ist in diesem Jahr zu einem Protest-Symbol geworden. Menschen laden es als Profilbild in ihre Facebook- und Twitter-Accounts und zeigen damit ihre Unterstützung für eine Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften: Sich für die Homo-Ehe zu engagieren, wurde so auch zu einem Mausklick-Protest, der in seiner vitalen Verbreitung beeindruckend war. Der Guardian fand für diesen Protest den schönen Oberbegriff "Avatar Activism".
dirk-vongehlen

12. Zombie-Serie, Zombie-Film, das Internet voller Zombies: Ein neues Zombie-Zeitalter ist angebrochen!

13. A ist das neue B.
Journalisten benutzen diese „a ist das neue b“-Konstruktion sehr oft. Vielleicht zu oft, wie der Tumblr „Käse ist der neue Kuchen“ zeigt. Zu unserer Verteidigung: Solche Formulierungen sind kurz und vermitteln schnell, was gemeint ist – da ist es schon mal okay, am Ende des Jahres so zusammenzufassen, welche alten Sachen von welchen neuen Sachen abgelöst worden sind. Zum Beispiel die:   Schavan ist der neue Guttenberg. Das Barbiehaus ist das neue rosa Ü-Ei. Disco ist das neue Indie. Lorde ist die neue Lana del Rey. Elyas M'Barek ist der neue Matthias Schweighöfer. Matthias Schweighöfer ist der neue Til Schweiger. Joko und Klaas sind die neuen Joko und Klaas. Montevideo ist das neue Amsterdam. Snapchat ist das neue Tumblr. Dinos sind die neuen Katzen. VSCO Cam ist das neue Hipstamatic. Eis am Stiel ist der neue Frozen Yoghurt. Quinoa ist das neue Couscous. Filterkaffee ist der neue Espresso. (Hyper)lokal ist das neue Bio. Heiße Smoothies sind die neuen Smoothies. Pferdelasagne ist das neue Gammelfleisch. Der Rucksack ist der neue Jutebeutel. Island ist das neue Neuseeland. Pep ist der neue Jupp. Longboards sind die neuen Rollerblades. Sitzen ist das neue Rauchen. Der Veggieday ist das neue Rauchverbot. kathrin-hollmer

14. Das Schlimme daran, dass uns die Causa Wulff-Glaeseker-Schmidt auch dieses Jahr noch begleitet hat: Wir werden immer wieder daran erinnert, dass sich erwachsene Männer „Schnulli“, „Oberschnulli“ und „Generalfeldschnulli“ nennen – dabei wollen wir nichts lieber als das endlich vergessen!

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