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Illustration: Katharina Bitzl Foto: Carlo Feick

Christoph Wiegand ist „Weekend“, 29 und von Beruf Rapper. Seit knapp zwei Jahren berappt der gebürtige Gelsenkirchener hauptberuflich die Bühnen der Bundesrepublik. Ausverkaufte Touren, Festivals, Platz eins in den Album Charts – bei Christoph läuft’s. Vermutlich nicht für immer, vermutet er, aber bestimmt für eine verdammt gute Zeit lang.

Der Weg

Wie bei allen, fängt so eine Karriere immer mit einem Hobby an. Man hängt mit den Kumpels im Park, freestylt, schreibt mal was und irgendwann nimmt man den ersten eigenen Song auf. Ich mach seit 2004 Musik und hatte nie den Plan vom Rappen zu leben. Nach dem Abitur hab ich angefangen als Sozialarbeiter zu arbeiten und nebenher immer weiter Musik gemacht. Aufnehmen in den Abendstunden, Videos drehen in der Nacht, Konzerte abklappern am Wochenende. Eine Zeit lang hat das ganz gut geklappt. Aber irgendwann wurde es einfach zu viel. Ich war überarbeitet und mein Privatleben ist komplett draufgegangen. Ich habe dann erst nur noch auf einer halben Stelle gearbeitet und irgendwann ganz gekündigt und gesagt: „Ich bin jetzt hauptberuflich Rapper.“ 

Der Tagesablauf

Ich habe mein Studio in meiner Wohnung. Ein Zimmer, in das ich mir eine kleine Gesangskabine gebaut habe. Das hat Vor- und Nachteile: Ich kann ausschlafen und Musik machen, wenn ich Lust habe. Allerdings verleitet das natürlich zum Abhängen. Da braucht man schon viel Eigenverantwortung, um nicht nur Party zu machen, Fifa zu spielen und Netflix zu gucken. Ein Studio außerhalb der eigenen vier Wände hätte natürlich den Vorteil der räumlichen Trennung, aber ich brauche diese Möglichkeit, sofort aufnehmen zu können. Wenn ich mal eine kreative Phase hab, muss ich das ausnutzen. Auch in Situationen, in denen es gerade total blöd ist. Erst gestern war ich mit ein paar Freunden im Restaurant und hab die ganze Zeit am Handy an einem Text gefeilt. Das ist eben nicht: Ich setze mich um neun Uhr morgens an den einen Song und höre abends um fünf auf.

Natürlich macht man sich manchmal Druck. Oder besser gesagt: Ich krieg ein schlechtes Gewissen, wenn es mal nicht läuft. Es gibt Phasen, da stehen nicht viele Auftritte an und ich komme mit der Musik nicht weiter. Da denke ich manchmal schon: „Das fühlt sich irgendwie zu gut an, um wahr zu sein. Irgendwie kann das nicht richtig sein.“ Alles in allem ist das aber einfach eine super geile Situation. Wir spielen Konzerte und Festivals, reisen rum und ich kann von meinem Hobby leben.

Das Privatleben

Dadurch, dass diese Doppelbelastung weg ist, habe ich endlich wieder eins. Ich habe viele gute Freunde, die auch Musik machen. Mit denen arbeite ich zusammen oder besuche sie, wenn sie auf Tour in meiner Stadt sind. Aus diesen ganzen Szenepartys halte ich mich eher raus. Ich bin sehr skeptisch, was das „Rap-Game“ angeht. Die Musikindustrie ist ein komisches Pflaster. Wenn ich Leute treffe, habe ich Lust mit denen eine gute Zeit zu haben. Aber die Musikindustrie ist ein Ort, wo Menschen sich gegenseitig nichts gönnen, alle schlecht übereinander reden und missgünstig sind. Das nervt. Mittlerweile meide ich solche Leute einfach.

Das Geld

Meine Mama begrüßt mich jedes Mal wenn wir uns sehen mit: „Hast du denn noch genügend Geld?“ Ich sage dann immer: „Ja Mama, mach dir keine Sorgen.“ Der Plan war immer: wenn ich eine Null auf dem Konto hab und die Kohle für die Miete zusammenkratzen muss,  fang ich wieder als Sozialarbeiter an und nehme die Rap-Moneten als Taschengeld. Aber momentan läuft alles. Klar, muss man ab und zu mal einen Kontoauszug ziehen. Wenn die Festivalsaison vorbei ist und die nächste Platte noch ein halbes Jahr braucht, sollte man ein bisschen rumrechnen: Was brauche ich für die nächste Zeit an Geld? So was wie Jahresgehalt oder Monatslohn gibt es natürlich nicht. Es gibt Monate, da verdiene ich keinen Cent und Monate, da verdiene ich mein altes Jahresgehalt.

Die Rap-Rente

Mal absehen von ein paar HipHop-Legenden: Keiner steht mit 65 noch auf der Bühne und rappt. Der Plan war immer eine gute Zeit zu haben. Wenn morgen alles vorbei ist, kann ich sagen, ich habe drei Jahre von meiner Leidenschaft gelebt. Ich glaube nicht, dass ich da am Ende mit Unmengen an Zaster auf dem Konto raus geh und das war auch nie die Idee. Manchmal spinne ich auch mit dem Gedanken rum, mir wieder eine halbe Stelle als Sozialarbeiter zu suchen. Einfach, weil ich da Bock drauf hab.  

 

Das gute Gefühl

Als Sozialarbeiter hat man natürlich stärker das Gefühl, Menschen in schwierigen Phasen ihres Lebens zu helfen. Für mich ist Musik ja ein Ventil, für alle möglichen meiner Gefühle, aber das andere Menschen dazu einen emotionalen Bezug herstellen, das kriegst du ja eigentlich nicht mit. Aber manchmal nach Konzerten, auf der Straße oder an der Supermarktkasse sprechen Leute mich an und sagen, wie viel ihnen meine Musik bedeutet. Sie hatten gerade einen geilen Sommer und meine Songs waren ihr Soundtrack. Oder sie hatten ein beschissenes Jahr und meine Texte haben ihnen irgendwie geholfen. Das ist krass.

 Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

„Kenn ich was von dir? Zeig mal was auf YouTube!“ Dann muss ich immer einen Song anmachen. Die meisten Leute finden das cool. Negative Reaktionen nach dem Motto, „Das ist doch gar kein richtiger Beruf“, habe ich noch nie bekommen. Es ist eher so, dass ich manchmal da sitze und denke: „Was das überhaupt für ein Hänger-Leben?“ 

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