"Ich kann keinem raten, Schauspieler zu werden, wenn er zu Existenzängsten neigt"

Norman brach sein Jura-Studium ab und wurde Schauspieler. Wie geht's ihm damit?
Protokoll: Patrick Wehner
Illustration: Katharina Bitzl

Norman Nowotko, 27,  hat in Aachen eine vierjährige Schauspielausbildung  für klassisches Theater absolviert. Seit einem Jahr versucht er nun, als Schauspieler Fuß zu fassen. Und das ist schwieriger, als er dachte. Nicht nur, weil er mit seiner Gage auch eine kleine Familie miternähren muss. 

Der Weg 

Bevor ich mich dazu durchgerungen habe, Schauspieler zu werden, habe ich vier Semester lang Jura studiert. Ich hatte sehr viel Respekt davor, dieses Studium zu schmeißen, weil man ja immer sagt, Schauspiel ist brotlose Kunst. Da kannst du nicht von leben, das ist Quatsch und so. Auch meine Eltern meinten, ich solle lieber was Vernünftiges machen. Aber am Ende ist mein Jurastudium dann an meiner Motivation gescheitert. Ich habe erkannt, dass ich keine Sachen machen kann, die mir keinen Spaß machen. Das ist natürlich auch ein wenig eitel, wenn man sagt, man macht nur das, was einem gefällt. Aber ich wollte eben etwas Lebendiges machen und dachte mir, wenn ich es jetzt nicht mache, dann nie.

Wenn du die Schauspielschule absolviert hast, bekommst du danach ein Diplom, aber das ist kein akademischer Abschluss im klassischen Sinne. Hart gesagt ist es ein Wisch, mit dem du beweisen kannst, dass du die Ausbildung abgeschlossen hast. Damit darfst du dich dann an der ZAV (die Zentrale Auslands-und Fachvermittlung; Anm. d. Red.) bewerben, das ist sowas wie ein staatliches Arbeitsamt für Schauspieler, Models und Artisten, und wenn du aufgenommen wirst, helfen die dir dabei, Engagements zu bekommen. Das ist aber nur der Idealfall. Die Realität ist härter. Viel härter.

Die Wirklichkeit

Mein erstes Jahr war ernüchternd. Jetzt nicht in einem krass negativen Sinn, aber ich musste lernen, dass ich im Prinzip komplett auf mich alleine gestellt bin. Und dass es sehr schwierig sein kann, die Sache ins Laufen zu bringen. Ich hatte seit dem Ende meiner Ausbildung sieben Vorsprechen, das ist nicht besonders viel. Ich hatte dieses Jahr drei größere Auftritte und ein bisschen Werbung – Preisverleihungsspots für Medienfirmen. Das sind Jobs, die gehen so ein bis zwei Tage, man verdient ganz okay Geld und kann Durststrecken überstehen. Das ist wichtig, denn man muss sich bewusst sein, dass es schwierig ist, konstant Einnahmen und Engagements zu haben. Wenn du ein Festengagement hast, dann bist du zwei Jahre an einem Theater angestellt, die zahlen dann auch deine Sozialversicherungsbeiträge, aber das ist sehr hart zu bekommen.

Unsere Dozenten haben deshalb von Anfang an gesagt: Sucht euch ein zweites Standbein. Wenn man gerade so eine Durststrecke hat, darf man sich nicht scheuen, was anders zu machen, aber trotzdem irgendwie im Bereich Schauspiel zu bleiben. Da gibt's viele Möglichkeiten, von Business Coaching, bis Probanden darstellen für psychologische Experimente. Oder auch Stelzentheater. So verrückte Sachen musst du halt dann auch wahrnehmen.

Ich kann also keinem raten, Schauspieler zu werden, wenn er zu Existenzängsten neigt. Man muss dranbleiben und immer wieder versuchen, einen Job zu bekommen. Viele scheitern am Druck, mal kein Stück spielen zu können. Die sprudeln alle vor Energie und können dann oft nicht damit umgehen, dass sie ein paar Wochen oder auch mal ein paar Monate Leerlauf haben. Diese Phasen gibt es aber einfach – und man muss sie nutzen. Um an seinen Monologen zu arbeiten, Sprechtraining zu machen, an Workshops teilzunehmen. Man braucht viel Ehrgeiz und Disziplin. Und Geld. Das gibt es natürlich nicht gratis.

Es gibt Schauspieler, das siehst du sofort, die leben das, was sie machen, sie sind absolut und zu 100 Prozent Künstler. Aber man muss auch Geschäftsmann sein. Viele Schauspielschüler kriegen Bafög, oder die Eltern zahlen was dazu – die haben das gar nicht im Blick, dass man aus der Ausbildung rauskommt und da dann erst mal nichts ist. Da ist keiner, der sagt, spazier' doch bei uns rein und spiel was. Du musst selber wissen:  Wann brauche ich wieder neue Fotos? Wann brauche ich unbedingt wieder ein Engagement? Wie stelle ich mich im Internet dar? Wo bewerbe ich mich? Wo kann ich netzwerken? Vitamin B ist in unserer Branche extrem wichtig.

Der Tagesablauf

Der hängt davon ab, ob ich gerade ein Engagement habe oder nicht. Wenn ich keins habe, versuche ich morgens früh rauszukommen und erstmal Laufen zu gehen. Körperliche Fitness ist auf der Bühne sehr wichtig. Ich besorge mir neue Stücke als Bücher, lese sie, übe Monologe. 

Wenn ich für ein Stück probe, spreche ich meine Repliken aufs Handy und höre es mir immer wieder an. So weiß ich, an welcher Stelle die Betonung noch nicht passt, wo eine Pause reingehört, wo ich Dinge verschlucke oder zu schnell bin.  Und wenn ich ein Stück spiele, chille ich vor den Aufführungen bis nachmittags. Das ist auch wichtig, um für das Stück konzentriert und erholt zu sein.  

Wenn ich nach dem Auftritt Applaus bekomme, macht mich das sehr zufrieden, das ist wirklich ein Geschenk für mich. Das ist zwar nicht meine tägliche Routine, aber diese Momente machen viele Entbehrungen wieder wett. Wenn ich das weitermachen kann, reicht mir das eigentlich schon. Klar würde ich gerne an der Volksbühne spielen oder am Berliner Staatstheater, aber das sind eben so Vorstellungen, die sehr unwahrscheinlich sind. Es gibt einfach super viele gute Schauspieler.

Auch ansonsten ist Schauspiel kein klassischer 9-to 5-Job, eh klar. Am ehesten noch, wenn du bei einem Theater angestellt bist. Da spielst du abends ein Stück, und probst unter tags schon für das nächste. Da gibt es jeden Tag eine feste Routine.  Für mich ist ein geregelter  Tagesablauf aber alleine deswegen schon sehr selten, weil ich oft die Stadt wechseln muss. Ich schlafe dann  entweder bei Schauspielkollegen, oder suche mir etwas zur Untermiete. Das kostet aber natürlich mehr.

Gleich nach dem Ende der Ausbildung hätte ich zum Beispiel nach Hessen gehen können, an ein kleines Boulevardtheater, aber dort legst du dich dann zwei Jahre fest, spielst oberflächliche Stücke, und dann überlegst du natürlich, ob das klug ist. Du musst ständig auf Vorsprechen, bist du bei der ZAV, zahlen die die Anfahrt. Ansonsten musst du selber zahlen.

Das Privatleben

Das hat sich auf jeden Fall verändert. Ich sehe meine alten Freunde leider nicht mehr so oft. Ich habe ja ganz andere Arbeitszeiten. Ich arbeite oft dann, wenn die anderen frei haben, am Wochenende zum Beispiel. An so was gehen auch Beziehungen kaputt. Ich kenn' Leute, die haben ein Jahr in einer Serie gespielt, die hatten danach eigentlich gar keine sozialen Kontakte mehr, weil du entweder spielst , oder probst, ständig an anderen Orten bist,  kaum frei hast, von Set zu Set hüpfst. Da bleibt nicht viel Zeit. Alles bleibt sehr oberflächlich.

Es gibt Menschen, die machen das komplett für die Kunst, aber mir ist meine Familie sehr wichtig. Da würde ich gerne einen Einklang finden.

Ich bin verheiratet und ich habe eine junge Tochter mit eineinhalb Jahren. Ich habe mich noch während der Ausbildung verliebt und wusste nicht, dass ich das Glück haben werde, schnell eine Familie zu gründen. Und das ist leider auch mein persönlich größtes Problem, weil es super schwierig ist, zu sagen: "Ich muss jetzt weg, und zwar über einen längeren Zeitraum". Und am Theater ist es ja so, dass du dann locker zwei drei Monate weg bist. Und da habe ich noch keinen Konsens gefunden mit meiner Frau. Sie sagt immer: "Es tut mir so leid, ich möchte dir das gönnen, aber du hast leider irgendwie den falschen Beruf."

Es wäre natürlich perfekt, wenn ich in meiner Heimatstadt Aachen ein Engagement bekäme. Aber das ist gerade utopisch. Ich mach hier schon kleine Projekte, immer wenn es die gibt. Wenn ich langfristig am Stadttheater spielen könnte, wäre das wunderschön. Aber dazu muss man erst mal raus, auf andere Bühnen, und Erfahrung sammeln. Das braucht Zeit.

Das Geld

Du steigst bei einem Engagement an einem Stadttheater mit 1680 Euro Brutto ein, und das ist ja eigentlich nichts. Spielst du im Fernsehen oder in der Werbung, kannst du in kurzer Zeit viel, viel mehr verdienen. Das machen relativ vieler meiner Kollegen. Oder versuchen es zumindest. So kann man sich eine Zeitlang über Wasser halten, und dann spielt man wieder Theater.

Es gibt Zeiträume, in denen ich 2000 bis 3000 Euro brutto im Monat verdiene. Im Schnitt und aufs Jahr gerechnet bin ich aber gerade bei etwa 1000 Euro Brutto  im Monat. Wir Schauspieler sind Freigeister, keine Materialisten. Es kann schon vorkommen, dass du drei Monate hast, in denen du keinen Job hast, aber in der Zeit musst du üben.  

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Meistens fragen mich die Leute, wo ich mitgespielt habe und wo man mich sehen kann. Auf Platz zwei kommt die Frage, ob man davon leben kann. Je nachdem, wer mich da fragt, gebe ich eine entsprechende Antwort. Ich leg mir da aber nix zurecht und bin ehrlich, wenn jemand wirklich Interesse daran hat, was ich mache und wie's mir geht.

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