Wiederentdeckt: Boxen

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Es gab Malzbier, Chips und Schokobollchen. So nannten meine Großeltern die kugelförmigen Nuss-Nougat-Bonbons im Goldpapier. Schokobollchen gab es immer samstagabends, wenn Henry Maske zu Vangelis’ „Conquest Of Paradise“ in eine Arena stolzierte. Dann saßen Oma, Opa und ich nebeneinander auf dem Sofa, knisterten und knabberten und tippten, wer gewinnen würde. Wir waren echte Boxfachleute. Oma und Opa sowieso, sie hatten schon die großen Schlachten von Schmeling und Louis, Ali und Frazier verfolgt. Aber auch ich, gerade elf, lobte, meckerte und hoffte auf ein möglichst spannendes, für Maske gut endendes Spektakel. Und das gab es fast jedes Mal.    

Als ich einige Jahre später auszog, fehlten mir Oma und Opa. Und mir fehlte das Boxen. Das besprachen wir nur noch am Telefon, in den Ringpausen oder am Tag danach. Erst kürzlich habe ich mir ein Stück Boxkindheit zurückgeholt: Seit ein paar Wochen stehe ich selbst im Ring und trainiere. Da oben, zwischen den Schaumstoffpfeilern und straff gespannten Seilen, fühle ich mich wie unser nächster gemeinsamer Held. Auch wenn ich kaum heldenhaft boxe, nach meinem ersten Volltreffer habe ich mich bei meinem Gegner entschuldigt. Die Heldengefühle setzen erst später ein, wenn ich Oma am Telefon erzähle, wie es beim Training war. Dann knistert es wieder.



Text: erik-brandt-hoege - Illustration: michaela-maget

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