Lars Weisbrods WM-Tagebuch: Ab Neu-Ulm mögen sie ihn nicht mehr so

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Der Abend des zweiten Deutschlandspiels. Ich bin ganz hektisch und aufgeregt, schwitze sowieso. So ein Anpfiff ist immer ein furchtbar genauer Zeitpunkt. Ich fahre zum Vereinsheim des SC Geislingen, Jürgen Klinsmanns letzter Amateurverein, bevor er zu den Stuttgarter Kickers gegangen ist. Auch dort gibt es die WM-Spiele auf Großbildleinwand, wie überall. Das Vereinsheim sieht aus wie ein Vereinsheim: dunkle Biermöbel, wegen des Beamers sind die Vorhänge sind zugezogen. Die Atmosphäre ist fast düster, der Altersdurchschnitt der nahezu ausschließlich männlichen Zuschauer hoch. Ich habe kein gutes Gefühl, was das Spiel angeht, und nehme mir vor mitzuzählen, wie viele große Radler ich auf dieser Reise trinke. Damit ich später schreiben kann, ich sei nach soundsoviel Kilometern und soundsoviel großen Radlern endlich angekommen. Neben mir sitzt Karl Ender, der Klinsmann 1976 in der D-Jugend trainier hat. So habe ich es mir zumindest aufgeschrieben, manchmal verstehe ich Herrn Ender nicht so gut. Die Hymnen werden gespielt, bei der deutschen stehen einige stehen auf. Ein älterer Herr, der eine Fahne mitgebracht hat, singt mit, dann applaudiert man. Anpfiff. Franz Beckenbauer wird eingeblendet, Herr Ender ist keiner seiner Kritiker. Beckenbauer sei "einmalig, ohne den hätten wir das ja alles hier nicht" - die Weltmeisterschaft im eigenen Land. "So etwas erlebt man ja nicht noch einmal, nicht in meinem Alter. Sie vielleicht." Dass der Kaiser und der Teamchef noch nicht so richtig miteinander können, was denkt Herr Ender darüber? "Ich hab den Eindruck, ab Neu-Ulm mögen sie den Klinsmann nicht mehr so." 20. Minute: Tischklopfen für Kloses vergebene Chance per Kopfball Bei der WM 1990 da hatte Klinsmann seinem früheren Trainer noch Karten besorgt für ein paar Spiele, keins der Deutschen, aber sei eine schöne Zeit gewesen. Auch in Monaco hat er ihn noch im Stadion spielen gesehen und bei seinem Abschiedsspiel ist er dabeigewesen. Damals, als er das Schlussfeuerwerk durch einen sanften Tritt gegen eine Tonne ausgelöst hat - auch so eine schöne Geschichte bei Wikipedia. 28. Minute: Foul an Balllack, die rote Karte wird gefordert Ob er für diese Weltmeisterschaft Karten habe? Ja, für ein Spiel, jemand aus seiner Familie hätte sie bei der ersten Verlosung bekommen. Über Klinsmann nicht, "da ist jetzt nicht mehr so viel Kontakt". Er sei schon länger nicht mehr hier gewesen, beim Verein. Herr Ender sagt das aber ohne Bitternis, als könne er verstehen, dass der Bundestrainer jetzt keine Zeit mehr habe. Überhaupt berichtet jeder begeistert von Klinsmann Bodenständigkeit, er sei nie abgehoben. Kartons mit Autogrammen habe er für die Jugendmannschaft mitgebracht, wenn man ihn gefragt hat. 46. Minute: Podolski vergibt eine Chance, es wird kräftig auf die Möbel geschlagen Ich stelle die Standartfrage, wie Klinsmann denn war, damals in der D-Jugend. Dickköpfig? "Unheimlich ehrgeizig", sagt Ender. "Wenn er mal kein Tor geschossen hatte, war er schon mal richtig sauer nach dem Spiel." Alles haben sie damals gewonnen mit Klinsmann in der Mannschaft, jeden Pokal und jedes Hallenturnier. 63. Minute: Odonkor sprintet zum Eckball, amüsiertes Raunen "Er geht seinen Weg, da kommt dann keiner ran. Wenn er nach Kalifornien fliegt, dann fliegt er eben." Karl Ender freut sich über die Veränderungen, die Klinsmann beim DFB durchgesetzt hat, die neuen Trainingsmethoden. Dass mal frischer Wind da rein kommt. 93. Minute: Abpfiff, "Klinsi, Klinsi"-Rufe Ich bin wegen des Spiels nervlich ganz am Ende, aber jetzt ist ja alles gut. Bei Herrn Ender bedanke ich mich für das Gespräch, mir wird später noch von vielen anderen großartigen Fußballern erzählt, die beim SC Geislingen gespielt haben. Und dass sportlich momentan nicht so gut steht, man sei gerade abgestiegen in die Bezirksliga. Die Stimmung in der Geislinger Nacht ist groß, Kinder tanzen mit deutschen Flaggen auf den Straßen. Im Hotel erzählt mir der Besitzer noch lange über den Verein und seine politischen Ansichten, aber ich bin zu müde und kann mir nur wenig merken.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

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