Lars Weisbrods WM-Tagebuch: Der nette Erzfeind

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Die nächste Etappe meiner Reise führt mich in den finsteren Südschwarzwald, dorthin wo der Erzfeind wohnt: die Niederlande. Hinterzarten sieht aus wie das amerikanische Klischee eines deutschen Touristenstädtchens, das heißt eines deutschen, österreichischen oder schweizerischen Touristenstädtchens, da macht man auf der anderen Seite des Atlantiks ja keine großen Unterschiede. Als sie das erste Mal mit den Bus durch Hinterzarten gefahren sind, müssen die jungen niederländischen Spieler beim Anblick der Passanten wohl gedacht haben, alle Deutschen seien über 80 Jahre alt. Aus dem Bankautomaten kommt das Geld hier so ordentlich wie nirgendwo sonst. In Hinterzarten weiß man ebenso wenig wie auf Campingplätzen, ob die deutschen Flaggen wegen der Weltmeisterschaft dort hängen oder einfach so. Die Mannschaft wohnt im Hotel Adler, auf dem Gelände ist alles vorhanden, was man braucht, inklusive Kinderspielplatz. Gleich neben an grenz ein Streichelzoo mit Rehen, auf der anderen Seite ist der Ortsfriedhof, auf dessen Bänken sich junge, frisch verliebte Paare küssen. Das Spielzeugmuseum ist nicht weit. Alles in allem sieht er hier also nicht aus wie in einer Finsterburg, in der böse, deutsche Spieler bespuckende Holländer wohnen. Auf dem Campingplatz wird das bloß bestätigt. Ich treffe drei Holländer, die vor dem Campingplatzrestaurant "Die Siedler von Catan" spielen (was sicher zu den ungefährlichsten Beschäftigungen der Welt gehört, Hooligans tun so etwas nicht), und ich glaube, ich habe mich selten mit so netten Menschen unterhalten. Die armen Niederländer hatten es wohl auch noch schwerer, an Karten zu kommen als wir, deswegen werden sich diese drei das Spiel heute Abend am Titisee (hihi) in der Nähe von Hinterzarten ansehen, wo ein holländischer Fernsehsender eine Leinwand aufgebaut hat. Die Rivalität zwischen Deutschen und Holländern, sagen sie, nimmt immer mehr ab. Woher das komme, will ich wissen. Vor allem von der Kriegsgeneration her wäre diese Feindschaft ausgegangen. Und: Mittlerweile höre man in Holland aber oft, dass man als Fußballfan bei den Deutschen beliebt sei, weil man gut und friedlich feiern könne, sagt der junge Mann, der das Spiel offensichtlich am gewinnen ist. Mir fällt ein, dass ich neulich in einem bestimmten Jugendmagazin gelesen habe, dass die deutsche Polizei nur deshalb keine Ausschreitungen von holländischen Hooligans befürchtet, weil die sich untereinander zu sehr hassen, um im Ausland geschlossen aufzutreten. Das sage ich aber nicht. Ich lasse aber nicht locker und frage nach Witzen über Deutsche. Die drei Spieler denken nach, es fallen ihnen aber nur Witze über Belgier ein. Ich will den ?Was macht man mit Holländern, die kein Fußball spielen können??-Witz erzählen, er kommt aber nicht gut an, wohl nicht ihr Humor. Oder es liegt an meinem Englisch. "You give them a orange... Trikot, you know?" verstolpere ich die Pointe, die gar keine ist, und zupfe an meinem T-Shirt herum, um das Wort ?Trikot? zu verdeutlichen. Zum Abschied frage ich, wie lange sie noch bleiben. ?We watch the final with Netherlands at home.? Wenigstens ein bisschen Arroganz. Ich versuche auf dem Platz jemanden zu finden, der die vielen zeltenden Fußballfans aus Holland hasst oder zumindest nicht gut leiden kann, finde aber nur einen Berufsschullehrer, der ?sich nicht so für Fußball begeistert? und auf meine Frage nach der Rivalität einen kleinen Vortrag über kulturelle Identität im Ausland beginnt. Wenigstens entspricht er dem Klischee eines Berufsschullehrers, wenn die Holländer schon nicht dem Klischee eines Holländers entsprechen. Ich bin ein bisschen enttäuscht, das heißt natürlich eigentlich froh, dass wir so nette Nachbarn haben, und fahre zum Holland-Spiel nach Stuttgart.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

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