Lars Weisbrods WM-Tagebuch: Die dritte Halbzeit

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Nach dem Spiel habe ich mich auf das vibrierende Parkhaus gestellt um den wogenden Massen zuzuschauen, wie sie sich aus der Arena schlängeln. Man hätte fast denken können die Wege seien so angelegt, dass sich aus den farbigen Fußgänger das WM-Schlangenlinienlogo bilden soll. Vielleicht sind sie es ja sogar (Uli Hoeneß fragen!). Der Blick war fabelhaft, fast noch einen Ticken fabelhafter als der Lahm?sche Distanzschuss, bloß war es seltsam leise für diese Umstände. Keine Humpa weit und breit. ?Schön ruhig hier oben? sagte mein Nachbar am Parkhausgeländer dazu. So kann man es auch sehen. Aber die Aussicht tröstet trotzdem nicht darüber hinweg, dass jetzt die schöne Spannung auf den Anfang der Weltmeisterschaft weg ist. Wo ich schon nicht das Stadionerlebnis teilen durfte, teilte ich dann wenigstens das Drängelheimwegerlebnis. Auf dem Bahnsteig habe ich mich dann noch mal ein, zwei Stunden zwischen szenekundige Beamte auf die Bank gesetzt, um dem legendären Fröttmaninger U-Bahn-Ansager zuzuhören, wie er die mehr oder weniger tobende Fußballmasse lenkt und dirigiert. Für den richtigen Ort, den Stadionbahnhof, hat man den richtigen Mann ausgewählt: einen Moderator, Animateur und Schlichter. Die Deeskalationsmaschine heißt es bereits in Münchner U-Bahn-Ansager-Kreisen hinter vorgehaltener Hand. Er ist der Bob Ross unter den Bahnhofsprechern. Bloß ein klein weniger gleichmütig und mit mehr lautem Optimismus, als habe Jürgen Klinsmann ihn persönlich ausgewählt. Wo andere durchdrehen und herumschreien (siehe auch: Schreifrau am Kölner Hauptbahnhof), zeigt er bayrische Gemütlichkeit und Lebensfreude. Dahinter steht aber nicht bloßes MVV-Zweckdenken, sondern eine ausgeklügelte Lebenseinstellung und Philosophie, deren Inhalte uns in den aphoristischen Durchsagen vermittelt werden sollen. Ich hatte Zeit und wagte Deutungen. Wobei der Leser stets die Freundlichkeit der Durchsagen im Ohr haben sollte. Die Kollegen in der Mitte sind auch nett. Lass dich nicht von Vorurteilen leiten. Bleibe nicht immer nur bei den Menschen, die dir nah sind, sieh dich auch anders wo in der Welt um, zum Beispiel in der Mitte der U-Bahn-Station. Sage nichts Schlechtes über Kollegen. Habe auch als Bayer keine Angst vor der politischen Mitte. Wenn der Zug voll ist, ist er voll und voller wie voll geht?s nicht. Jeder Mensch muss auch seine Grenzen und die seiner Mittel erkennen, sonst kann er nicht zufrieden werden. Lass dich überraschen. Nicht alles ist planbar. Nicht einmal, auf welchem Gleis der nächste Zug einfährt. Wunderbar. Habe auch Freude an den kleinen Dingen in der Welt und zeige sie. Überall gibt es Wunder, man muss sie bloß erkennen. Wir haben achtzehn Türen, benutzen Sie doch auch die anderen Siebzehn. Sieh den Starkult um einzelne Türen oder Personen kritisch, auch andere Mütter haben schöne Söhne und andere Wagons schöne Türen. Ein natürliches Gleichgewicht ist Voraussetzung für ein gelungenes Leben. Der nächste Zug kommt, versprochen. Habe Vertrauen in eine höhere Macht oder den Fahrplan. Am Ende wird alles gut werden. Es ist noch keiner dageblieben. Niemand muss Angst haben, es ist noch immer gut gegangen. Da hilft auch das Winken nichts. Manchmal muss man sich seinem Schicksal ergeben. Es ist ja keine Ewigkeit. Nichts dauert für ewig, auch keine Traurigkeit. Und erst recht nicht die Wartezeit im U-Bahnhof. Nehmen Sie Schwung mit an der Treppe und gehen Sie ganz durch bis zur Mitte. In guten Zeiten ist es wichtig, sich etwas für die schlechten Zeiten aufzuheben, um sie mit Schwung zu überwinden. Mach es wie die Maus Frederic und sammle die Sonnenstrahlen bzw. spare am Brot, so hast du in der Not. Schön haben sie?s gemacht. Super, muss ich echt sagen. Es ist wichtig, auch einmal zu loben. Die Mitmenschen freuen sich über Komplimente. Wir wollen ja, dass sie gesund und munter heim kommen. Es gibt immer jemanden, der sich um dich sorgt. Und sei es nur der MVV. Niemand ist alleine. Wäre nur alles in der Welt so einfach wie in der Fröttmaninger U-Bahn. Ach ja, und im übrigen fahren wir nach Berlin

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