Lars Weisbrods WM-Tagebuch: Die schönste Autobahn Europas

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In Oberaudorf lebt man idyllisch. Ich will gar nicht erst anfangen, die großartige Berglandschaft zu beschreiben, man kann es sich ja vorstellen. Schon die Inntalautobahn, die den Reisenden dorthin führt , bietet eine Aussicht so bezaubernd, wie der Name es erahnen lässt. Bestimmt die schönste Autobahn Europas. Und wer in einer Gegend wohnt, wo selbst die Autobahnen so schön sind, der kann ja auch nur schönen Fußballspielen. * In Oberaudorf treibt jeder Sport. Frauen in professioneller Radsportkleidung rasen dutzendweise an mir vorbei. Der Feldhockeyclub des Ortes ist bereits zweimal deutscher Meister geworden, sagt man mir. Nordic Walking, Minigolf, Flugschule, wem das alles noch nicht genug ist, der fährt sich eben mit dem Motorrad tot. * In Oberaudorf klappt die Integration. Im Vereinsheim des FV Oberaudorf, wo Schweinsteiger einst begann, gibt es alle WM-Spiele live auf dem "Soccer-Beach". Ich treffe dort als einzige Gäste die multikulturelle Oberaudorfer WM-Expertenrunde: einen Österreicher, der beständig von Cordoba erzählt, einen jungen Türken, der sich "eigentlich gar nicht für Fußball interessiert" sowie einen Fan im Real-Madrid-Trikot und den Vereinswirt. Mit Blick auf Schweinsteigers ehemalige Spielstätte analysiert man hier fachgerecht die Partie Australien gegen Japan. Über Schweinsteiger weiß man zu berichten, dass er regelmäßig hier auftaucht und draußen mit den Jungen kickt, beim Dorfturnier überreicht er den Pokal. "Der weiß eben, wo er her kommt." Hat es mit Oberaudorf zu tun, dass hier solche Mittelfeldspieler reifen? Man weiß es nicht, aber die Jugendarbeit sei eben Klasse hier. Dann gibt es Caipirinhas und ich muss weiter. * In Oberaudorf bleibt man immer bodenständig, aber verschließt sich nicht vor den Veränderungen am Arbeitsmarkt. Das lerne ich im Gespräch mit dem Bauernhofbesitzer, der sich mit dem Vermieten von Wohnmobilstellplätzen ein Zubrot verdient, seit der örtliche Campingplatz geschlossen ist. "Hätten Sie vielleicht ein Verlängerungskabel?" "Wieso hast'n keins dabei? Man nimmt doch mit, was man braucht, wenn man auf Reisen geht." Ich weiß nicht so recht, was ich antworten soll, das macht aber nichts, denn der Herr gibt mir das Kabel aus und ist schon bei der nächsten Frage. "Was machst'n so? Hast'n Handwerk gelernt?" "Äh, nein, ich studiere noch." "Was studierste?" "Äh, Germanistik." "Und was wird man dann nachher?" Das frag ich die Leute immer. Ich sag ja, mach lieber was mit Elektronik oder Computern, das wird jetzt immer gesucht. * In Oberaudorf sind die Fußballspieler nahezu unverwundbar. Das lerne ich in der Pizzeria, wo mir eine Cola statt einem großen Wasser gebracht wird, weil der Wirt schon ganz aufgeregt ist wegen des Spiels gegen Ghana. Sagt zumindest ein älterer Herr neben mir, später wird der italienische Wirt ihm nach dem ersten Tor mit einer grünweißroten Miniflagge im Gesicht herumwedeln, was sehr niedlich aussieht. Jedenfalls klärt der Gast mich angesichts der Verletzung von Jan Koller darüber auf, dass er 30 Jahre gespielt habe und nie vom Platz getragen werden musste. "Humpelnd, mit zwei Mitspielern als Krücken ging es immer noch irgendwie." Das lässt hoffen für Schweinsteiger. Ich sehe mir das Spiel beim Italiener zu Ende an und freue mich, dass seine Leinwand zu klein ist, sodass immer wieder kleine italienische Stürmer über die toscana-farbenen Wände laufen. Am nächsten Morgen breche ich auf und fahre versehentlich nach Österreich, finde dann aber wieder zurück.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert
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