Lars Weisbrods WM-Tagebuch: Geislingen, das kleine Stuttgart

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Auch in der Raststätte Aichelberg überträgt man die WM-Spiele, man hat einen kleinen Fußballschrein aufgebaut. Hier entscheide ich mich, doch nicht nach Göppingen zu fahren, dem Geburtsort von Jürgen Klinsmann. Ich fand die Geschichte nett, dass er nach seinem Abschied in Europa bei den Orange County Blue Stars unter dem Pseudonym Jay Goppingen gespielt hat. So steht?s zumindest bei Wikipedia, aber ich denke ?Was ist schon Wikipedia?? und lasse mich von der Nettigkeit der Geschichte nicht blenden. Lieber fahre ich nach Geislingen an der Steige, der Ort, wo Klinsmann vor seiner Profikarriere gespielt hat und den er seine Heimat nennt. Sagt zumindest Nadine. Geislingen ist ein Loch, in das man von oben herab hineinfährt, und das ist eine schöne Topographie, genau wie in Stuttgart, dem San Francisco Baden-Württembergs. Ich werde Geislingen ab sofort das kleine Stuttgart nennen. Der ankommende Reisende kann kaum das Geschäft ?Sport 3? übersehen, welches Jürgen Klinsmann mit einem Freund und Geschäftspartner betreibt. Ein junger Verkäufer, der nach Sportstudent und Surfer aussieht, will gerade schließen, es ist 18 Uhr. Von langen Öffnungszeiten hält man im Klinsmann?schen Betrieb wohl nicht viel, von verlängerten während der WM erst rechts nichts, wie man auf dem DGB-Plakat im Schaufenster lesen kann. Trotzdem werde ich noch hereingelassen, ebenso wie ein hektischer Kunde, der unbedingt noch einen Turnschuh braucht für ein Kind, das morgen Geburtstag hat. Also natürlich zwei Turnschuhe, aber ?einen Turnschuh?, das sagt man ja so. Werner Gass, Besitzer von Sport 3, ist ?eigentlich schon weg?, nimmt sich aber trotzdem noch kurz Zeit für mich. Ein sehr freundlicher Mann, er erinnert mich an wenig an den Moderator vom ?Nachtcafe?, dessen Name mir gerade nicht einfällt. (Mir fällt bloß Frank Lampard ein, aber so hieß er wohl nicht. Aber vielleicht ähnlich.*) Herr Gass posiert schnell für ein Foto und nimmt dafür gleich einen Ball in die Hand. ?Mit Ball ist immer besser, ich weiß das ja.? Herr Gass ist ein Medienfuchs. Würde er denn Klinsmann noch etwas sagen wollen für das Spiel heute Abend? ?Nein nichts, ich würde alles ganz genau so machen. Ich bin da ganz optimistisch. Ich sehe da auch gar nicht diese Probleme, von denen man in den letzten Tagen gehört hat. Wenn man offensiv spielt, passiert so etwas eben mal. Und das sage ich nicht weil ich ein Freund oder Geschäftspartner bin.? Optimistisch, das Klinsmannwort ist gefallen. Zum Abschied drückt Werner Gass mir die Hand und klopft mir auf die Schulter. Energisch. Fest, aber nicht hart - voller Optimismus, müsste man wohl sagen. Als würde er mich raus auf den Platz schicken. Klinsmann ist überall. ?Ich wünsch Ihnen was.? * Ich meinte Wieland Backes, der gar nicht so ähnlich heißt wie Frank Lampard.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert
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