Lars Weisbrods WM-Tagebuch: Ich spreche zu wenig koreanisch

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Am Donnerstag war ich in Hannover, wo das zweite entscheidende Spiel der Außenseiter angepfiffen wurde: Schweiz gegen Süd-Korea. Wieder so eine schöne unifarbene Begegnung, von der Hannover in ein durchgehendes Rot getaucht wurde: Koreaner rot, Schweizer rot, Hannover 96 auch rot. Also rollte eine rote Flut Richtung Stadion. Auf dem Fan Fest habe ich mich dann in koreanische Fans verliebt. Und zwar in alle. Bei den Schweizern denkt man ja vorher: "Schweizer Hooligans, das gibt es sicher gar nicht." Und nachher denkt man: "Och, vielleicht doch." Die Koreaner sind aber so nett, wie man immer erzählt bekommt. Im ZDF (oder so) habe ich einen Beitrag gesehen, in dem koreanische Fans ihren Müll nach dem Spiel in selbst gebrachte Plastiktüten wieder eingesammelt haben. Das konnte ich in Hannover zwar nicht erleben, aber ähnlich Faszinierendes: Alle setzen sich vor der Videoleinwand auf den Boden und stehen nur für die Nationalhymne auf (man möchte während des Spiels aus Solidarität glatt auch auf der Erde Platz nehmen). Für die Nationalhymne der Gegner applaudiert man. Sobald ein koreanischer Spieler auch nur in die Nähe des Strafraums gelangt, wird er lautstark bejubelt wie kein deutscher nach einem Torschuss. Dabei ist der Jubel kein Grölen, sondern ein Kreischen, ähnlich dem auf Boygroup-Konzerten. Was sicher auch der großen Anzahl weiblicher Fans liegt. Leider durfte ich nicht erleben, in welche Sphäre sich diese Ekstase steigert, wenn ihre Mannschaft ein Tor schießt. Das singen die Schweizer: Ach, die singen eigentlich bloß "Ole ole ole ole, Schwitzer Nati, Ole". Das singen die Koreaner (so wie ich es verstehe): Erst einmal natürlich den durch Stefan Raab bekannt gewordenen Anfeuerungsruf, der für Deutsche wie "Oh, Pisse Korea" klingt. Und das ist ein wirkliches Problem. Denn wenn halbstarke Jugendliche aus Deutschland "Oh, Pisse Korea" singen, sich pubertär kaputtlachend, und höfliche koreanische Fans dann aus Begeisterung über diese falsch verstandene Gastfreundschaft mit einstimmen ? ja, dann tut mir das irgendwie leid. Aber was will man machen, so ist das ja nun mal mit den Scherzen. Außerdem singen sie noch: etwas das sich wie die mittlerweile verklungenen "Benedetto"-Sprechchöre anhört. Aber ich glaube kaum, dass sie den Papst meinen. Die sind ja auch gar nicht katholisch. Eine Frau in der U-Bahn sagt mir dann, dass es bloß "Korea" bedeutet. Ich sollte besser zuhören. Nach dem Spiel bin ich irgendwie deprimiert, weil mir etwas unglaublich Naives einffällt: Nämlich dass es überall, wo ich bisher war, mindestens eine Handvoll Leute gab, die zu asozial waren und die zu jenen Menschen gehört haben, vor denen man Angst hat. Auf dem Weg zum Fan Camp treffe ich dann aber kuhglockenbimmelnde Schweizer und zwei koreanische Mädchen und sie sind alle so lustig und nett, dass ich meine Überlegung von vorhin vergesse. Dabei konnte ich mich mit den Koreanerinnen kaum unterhalten, weil sie so wenig Englisch sprachen und ich so wenig Koreanisch. Aber Yahoo kannten die beiden.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert
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