Lars Weisbrods WM-Tagebuch: Nürnberg

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In Nürnberg brannte die Sonne und im Bahnhof schwitzte ein grünweißroter Pulk, dazwischen drängelte sich die Polizei und Bahnmitarbeiter. Die Hitze und Nürnbergs Enge zwischen den dicken Stadtmauern ließen fünfhundert schreiende Fans zu fünftausend werden, auf den Straßen vor dem Hauptbahnhof schwappte eine Welle hupender Wagen mit rotweißgrünen Flaggen nach der anderen an. Noch enger und lauter wurde es nur in der S-Bahn zum Stadion. Dicke Mexikaner sprangen und schwitzten, nur der Krach war noch beeindruckender als die Hitze, meine Ohren klingelten von den Schlachtrufen, die ich nicht mal verstand. Mir brannte die Sonne auf dem Kopf, ich hatte keine Kappe mitgenommen, dabei lagen ungefähr hundert im Auto. Schrecklicher Gedanke. Aber das Stückchen Nürnberg ließ sich mit ein wenig Phantasie grünweißrote Hölle nennen. Nürnberg wurde zu Teheran, eine Stunde vor dem Derby der Lokalrivalen. Bloß der Verkehr war noch zu geordnet und erinnerte ans Fränkische. Vielleicht sollte das Finale nach Kaiserslautern verlegt werden. Je kleiner die Stadt, desto schneller kocht die Stimmung über. Hexenkessel sagt man mancherorts wohl dazu. Keine 1000 Meter weiter sah man schon ein ganz anderes Bild. Auf dem Jakobsplatz hatten Verbände zur Demonstration gegen den iranischen Präsidenten aufgerufen, dessen Stellvertreter heute im Stadion zugast war. Michel Friedmann sprach vor vielleicht zweihundert Zuhörern vom ?Hitler des 21. Jahrhunderts? und teilte sich die Bühne mit Günther Beckstein und Claudia Roth. Die wehenden israelischen Fahnen sind in diesen Tagen etwas Seltsames geworden. Man ertappt sich bei dem Gedanken, dass hier auch nur als ein Spiel zu verstehen, bei dem es bloß um das nächste Tor geht. Dann fällt einem der Zynismus dabei auf und man bekommt ein schlechtes Gewissen. Er wolle den Sport nicht politisieren, sagte Friedmann, aber die Politik höre nun mal auch nicht in Zeiten von großen Sportveranstaltungen auf. Ich musste später noch daran denken. Ich hätte gern darüber geschrieben, wie es ausschaut, wenn Günther Beckstein demonstrieren geht, aber es wurde dann gar nicht mehr demonstriert. Zwischen dem Vergessen und dem Erinnern stolperte die Politik hin und her. Während vor der Großbildleinwand nahe am Stadion die iranischen Fans feierten, dachte wohl keiner an die Weltgeschichte. Dabei hatte sie genau hier stattgefunden, auf dem Reichsparteitaggelände. Gegenüber lag der Silbersee ruhig in der strahlenden Sonne, er ist eine Baugrube, das Übriggebliebene eines nationalsozialistischen Bauprojektes, das eben so erschreckend beeindruckend wie passend in diesen Tagen ist: Das ?Deutsche Stadion? sollte hier entstehen, es wäre heute wohl immer noch die größte Sportarena der Welt mit über 400.000 Plätzen. Wer die abgebildeten Modelle sieht, wird die Taktik der faschistischen Verführung zu spüren bekommen. In wenigen Tagen spielt England hier, die Fans sind schon da. Auf dem Campingplatz am Stadion lief in der Nacht mindestens zehnmal "Football's coming home".

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert
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