Woher der Hass? Cristiano Ronaldo

Manche Dinge werden leidenschaftlicher gehasst als andere. Warum? Diese Kolumne erklärt es. Folge 7: dieser Stürmer-Pfau.
lars-weisbrod

Überall in Deutschland laufen die Kinder gerade aufgeregt aus Kiosken und reißen ihre WM-Bilder-Tütchen auf. Und irgendwann ruft immer ein Kind so laut wie möglich: „Ich hab Ronaaaaaaaaaldo!“ So ist das, wenn man noch nicht in der Pubertät ist, da ist die Welt noch einfach und Cristiano Ronaaaaaaaaaldo einfach ein guter Fußballspieler und cooler Typ.

  Für die Älteren wird es schwierig, wenn Ronaldo – Weltfußballer des Jahres, Portugal-alleine-zur-WM-Schießer, lange Zeit teuerster Transfer des Universums – heute Abend gegen Deutschland aufläuft. Da wird er dann wieder in seiner affektierten Revolverheldenhaltung zum Freistoß antreten und die deutschen Fans vor dem Fernseher werden den millionsten Witz darüber machen. Bei Facebook werden sie höhnisch das Cover der spanischen Vogue herumreichen, auf dem er nackt hinter einem Supermodel posiert. Schnell ist dann klar: Wenn keinem anderen Spieler ein grober Schnitzer unterläuft (schlimmes Foul, Bestechungsskandal, Hymne nicht mitgesungen), wird Ronaldo wieder der meistgehasste Mann dieser Weltmeisterschaft sein.

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Illustration: Julia Schubert



  Dabei kommt der Hass auf Cristiano Ronaldo scheinbar aus ganz unterschiedlichen Ecken: Die einen beschimpfen ihn als „Mädchen“ für seine gezupften Augenbrauen, die anderen als überarroganten Macho. Vor einigen Jahren soll das Model Jasmine Lennard ihn im Lamborghini zu einem Sex-Date abgeholt haben, vor seinem Hotel, nur mit High Heels bekleidet. Dann wäre da seine berühmt gewordene Flirt-Ansprache (,,Me, you! Fuck, Fuck!“) an eine Kellnerin in Los Angeles. Ronaldo verkörpert nicht nur die Fußballträume eines 10-Jährigen – er lebt auch die Sexträume eines 15-Jährigen.

  Ronaldo ist nämlich nicht nur der kompletteste Stürmer der Welt, wie einem heute Abend die gleichen Leute versichern werden, die sich über seinen Freistoßanlauf lustig machen. Er ist auch ein besonders verschachteltes Hass-Phänomen, ein Symbol für die verwirrende Gemengelage der Sexualität im 21. Jahrhundert: Ronaldo ist scheinbar gleichzeitig zu männlich und zu weiblich. Woher der Doppelhass auf ihn?

  Eine Erklärung hat die Soziologin C.J. Pascoe. In Studien habe sich gezeigt, dass das Durchbrechen von Männlichkeitsrollen paradoxerweise denen am leichtesten gemacht wird, die ihre Hypermännlichkeit genügend unter Beweis gestellt haben. „Jock insurance“ nennt Pascoe das und meint: Typen wie Ronaldo bringen schon so viel traditionelle Männlichkeit mit, dass sie sich locker ihre Augenbrauen zupfen lassen können. Ronaldo ist wie ein Pfau, der seine Überlegenheit durch unsinnigen Federschmuck demonstriert: Hey, ich hab so viel überschüssige Maskulinität, dass ich mit weiblicher Schwäche kokettieren kann – und trotzdem fahren die Models nackt im Lamborghini vor mein Hotel!     

Wer Ronaldo also hasst für seine explodierte Männlichkeit, der muss seine feminine Seite gleich mit hassen. Wer aber ganz traditionell seine feminine Seite unerträglich findet, ist neidisch auf den Pfau, der sich sogar das erlauben kann. Deswegen hassen ihn alle, von rechts wie von links. Es ist auch wirklich kompliziert mit diesem Sexzeug. Außer man ist zehn Jahre alt und sammelt WM-Bildchen.



Text: lars-weisbrod - Illustration: Daniela Rudolf

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