Woher der Hass? Die Zukunft

Manche Dinge werden leidenschaftlicher gehasst als andere. Diese Kolumne hat uns erklärt, warum. Und was das über uns aussagt. Die letzte Folge: Schlechte Prognosen
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Illustration: Julia Schubert


In einem Interview antwortete der britische Maler David Hockney auf die Frage „Was ist das größte Missverständnis der Moderne?“ mit einer Anekdote: „1920 schlugen amerikanische Futurologen Alarm. Um 1960, so hatten neueste Berechnungen ergeben, würde die Welt so viele Telefonvermittler brauchen, dass die Menschen praktisch keinem anderen Beruf mehr nachgehen könnten. Die Berechnungen waren korrekt, sie hatten nur ein entscheidendes Detail übersehen: 1960 besaß jeder längst sein eigenes Telefon.“ Gleich darauf zitierte Hockney Sam Goldwyn: „Es ist sehr schwer, Vorhersagen zu treffen, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.”

Trotzdem wird das gerne gemacht. Und die Vorhersagen sind meistens nicht so gut. Es geht dabei um Dinge wie den Klimawandel und das Verschwinden von Inselgruppen oder die Verschärfung lokaler und globaler Konflikte. Die Welt: kurz vor dem Untergang. Oder es geht um Szenarien wie das von Hockney beschriebene, die mit technischem Fortschritt zu tun haben. Die Welt: kurz davor, verrückt zu werden.
 
All diese Aussichten, egal ob Klimawandel oder Technisierung, machen den Menschen erst einmal Angst. Und dann fangen sie an zu hassen. Manche im Kleinen, indem sie zum Beispiel kulturpessimistisches Zeug brabbeln und dabei die drei Dauerbrennerbegriffe „früher”, „alles” und „besser” fallen lassen. Oder sich sozialen Netzwerken verweigern, außer YouTube, weil sie da Gary Turks Anti-Smartphone-Video „Look up” auf Dauerschleife anschauen können. Und manche auch im Großen, indem sie etwa auf die Straße gehen und Parolen brüllen, mit denen sie ganze Bevölkerungsgruppen verleumden.

Dabei ist der Hass auf die Zukunft völlig unlogisch. Weil gegenstandslos. Wie soll man denn bitteschön etwas hassen, das es noch gar nicht gibt? Angst haben davor, ja, das kann man durchaus, Angst hat ja oft damit zu tun, dass man nicht genau weiß, was kommt. Aber hassen kann man nur etwas, das schon da ist. Darum zielt der Hass auch gar nicht auf die Zukunft an sich, die ist zu abstrakt. Sondern auf Stellvertreter. Dinge, die sich noch weiterentwickeln. Menschen, die entscheiden oder in Bewegung sind. Smartphones, Google Glasses, Roboter. Gentechnik, Banker, Flüchtlinge. Ganz egal, Hauptsache jeder hat schon mal davon gehört, dann sind die Chancen größer, dass man mit seinem Hass nicht alleine ist und Mitstreiter gewinnen kann.

Warum die Menschen das tun, ist schnell erklärt: weil sie ihren eigenen Hass leichter ertragen als ihre eigene Angst. Denn das Dilemma ist ja, dass man feststeckt in der Gegenwart. Eingeklemmt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Man kann weder vor noch zurück, da kann man schon mal Panik kriegen. Und anschließend wütend werden. Wie in einem Aufzug, der nicht mehr weiterfährt und man weiß nicht: Stürzt er jetzt ab oder geht es gleich weiter nach oben? Da fällt man erst in eine Schockstarre und dann trommelt man an die Tür und schreit „Holt mich hier raus, verdammt!”

Besser als die Zukunft zu hassen wäre es, man würde sich von David Hockney oder irgendwem, der das genauso gut kann, noch ein paar Anekdoten erzählen lassen. Das kann sehr tröstlich sein, weil es zeigt: Hat sich alles immer wieder eingerenkt. Weil man in den Prognosen etwas nicht mit eingerechnet hatte, was man nicht einrechnen konnte, weil es noch nicht da war. Man muss sich einfach darauf verlassen, dass es kommen wird. Wir zum Beispiel wissen noch nicht, was nach dieser Kolumne kommt. Aber irgendetwas wird es schon sein. 


Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf

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