Woher der Hass? Frühe Nikoläuse

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„Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, steht als Faustregel in der Bibel. Verstößt jemand dagegen, bekommt er einen bösen Leserbrief, zum Beispiel von Herrn Karsch in der Hersfelder Zeitung: „Es ist für mich eine Frechheit und eine unglaubliche Sauerei, (…) Lebkuchen, Spekulatius, Weihnachtsmänner in allen Varianten schon Anfang September anzubieten.“ Heute werde jedem Kind das Weihnachtsgefühl genommen – „Für mich müsste so was bestraft werden.“ Nicht nur für Herrn Karsch: Jeder dritte Deutsche wünscht sich ein Verbot für Weihnachtsware, die zu früh in den Supermarkt kommt, das hat der Stern gerade vermeldet.
 
Woher kommt der Hass auf die Schoko-Nikoläuse, die zu früh in den Supermarkt-Regalen stehen? Dazu müssen wir kurz über Silvester reden. Bis vor ein paar Jahren gab es im Vergnügungspark Disney World einen Bereich namens „Pleasure Island“, in dem jeden Tag Silvester gefeiert wurde. Es gibt eine „Simpsons“-Szene, die darauf anspielt: Homer und Marge sitzen dort in einem Restaurant und Marge strahlt vor Glück. Müsse das nicht wundervoll sein, fragt sie den Kellner, immer und immer wieder das neue Jahr begrüßen zu dürfen? „Bitte bringen Sie mich um“, antwortet der Kellner.

Als Kinder waren wir noch naiv wie Marge: Wir wollten, dass immer Weihnachten ist. Als Erwachsene sind wir wie der Kellner: Wir haben gelernt, dass jeden Tag Weihnachten gar nichts bringen würde, weil dann bloß alles in einem Brei aus Langeweile versinken würde. Es ist schön, seinen Geliebten zu küssen, aber keiner, selbst die Allerverliebtesten, könnte sich für immer küssen. Spätestens nach 20 Minuten wird der Mund trocken. Man muss dann aufhören, um wieder anfangen zu können. Und so geht es immer im Leben.
 
Über diese Traurigkeit druckt aber keine Zeitung gerne Leserbriefe ab. Aus lauter Frust macht man einen existenziellen Fehlschluss: Anstatt die böse Metaphysik, die das Vergnügen nicht wiederholbar macht, hassen wir den kindlich-kapitalistischen Glauben daran, dass diese Wiederholung doch irgendwie funktioniert. Deswegen schießen wir uns auf die „Festlichen Weihnachts-Mandeln“ von Milka ein, die ja auch nichts für unser metaphysisches Unglück können, in ihrer schokoladenüberzogenen, mit Puderzucker bestreuten Unschuldigkeit. Mmmh . . .

Entschuldigung, ich muss jetzt in den Supermarkt, aber vorher noch diese traurige Meldung: Die englische Stadt Derby überlegt, die Weihnachtsbeleuchtung in der örtlichen Einkaufsstraße das ganze Jahr hängen zu lassen – das jährliche Ab- und Aufhängen koste zu viel. Es wäre wünschenswert, dass Derby den Plan umsetzt und zu einer traurigen Version von Pleasure Island wird, wo im Hochsommer unbeleuchtete Weihnachtsglocken daran erinnern, dass kein Spaß von Dauer sein kann, ohne schal zu werden. 


Text: lars-weisbrod - Illustration: Daniela Rudolf

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