Woher der Hass? Halloween

Junggesellenabschiede, Latte-Macchiato-Muttis, deutsches Fernsehen: Es gibt Dinge, die leidenschaftlicher gehasst werden als andere. Warum? Diese Kolumne erklärt es. Folge 22: Endgegner Amerika.
nadja-schlueter

Achtung, Preisfrage! Was ist anstrengender: sich mit der Reformation auseinanderzusetzen oder um einen Kürbis herum zu tanzen? Wer sich für die Reformation entscheidet, ist der gleichen Meinung wie Margot Käßmann, Bischöfin und Kritikerin des Um-einen-Kürbis-Herumtanzens. Damit meint sie natürlich Halloween.


Weil’s ja jetzt vorbei ist, können wir analysierend zurückblicken auf die vergangene Woche voller Fotos von Muffins in Form von Gehirnen, Kindern mit Gehirnmützen, die an Türen klingeln oder mit Eiern werfen, Menschen, die an Türen Süßigkeiten verteilen, und Menschen, die sich weigern, das zu tun. Davon gibt es (neben Margot Käßmann) einige, denn eine Umfrage hat ergeben, dass etwa ein Drittel der Deutschen „Halloween für großen Quatsch nach amerikanischem Vorbild“ hält, „der in Deutschland nichts verloren hat“. Ich verwette meinen noch nicht zu Suppe verarbeiteten Hokkaido-Kürbis darauf, dass die Menschen, die das sagen, genau das Gleiche auch über den Valentinstag und den Weihnachtsmann sagen.

Der Hass auf Halloween ist eine hochexplosive Mischung aus drei extrem mehrheitsfähigen Hassen und einer Sehnsucht. Der erste Hass ist der auf Amerika, so eine Art Endgegner im Computerspiel „Leben in Deutschland“. Amerika ist nämlich immer an allem Schuld – an Kriegen, an schlechtem Essen und am Kulturverfall. Weil Halloween aus Amerika zu uns gekommen ist, kann es also per se nicht gut sein. Der zweite Hass ist der auf den Kommerz. Sobald anlassgebunden Produkte erdacht und verkauft werden, die man hinstellen, aufhängen, anziehen oder essen kann, schreien nämlich alle: „Was für eine Geldverschwendung! Und in Afrika verhungern Kinder!“ Der dritte Hass trifft die „Spaßgesellschaft“, eine Masse von Menschen, die, nunja, Spaß haben, den aus Amerika importierten Kulturverfall beschleunigen, indem sie sich am 31. Oktober als gruseliges Skelett verkleiden, und sich dem Kommerz hingeben, indem sie sich zu diesem Anlass ein gruseliges Skelett-Kostüm kaufen.

Die Sehnsucht, die die Mischung so explosiv macht, ist die nach Traditionen. Die Halloween-Hasser haben Angst, importierte Traditionen könnten die Traditionen verdrängen, die ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gepflegt haben und von denen sie sich irgendeine Art von Sicherheit erhoffen, die sie längst verloren haben. Sie wollen an Allerheiligen, dem Tag, der auf Halloween folgt, auf dem Friedhof herumstehen und das „Ave Maria“ mitsprechen, weil sie sonst das Gefühl haben, aus ihrem Leben in einen luftleeren Raum zu kippen. Und selbst, wenn sie sich nicht auf dem Friedhof die Zehenspitzen abfrieren, wollen sie sich an denen festhalten können, die das tun. Alle anderen sollen am besten gar nichts machen – vor allem keinen Spaß haben und nichts konsumieren. Spaß und Konsum sind im Zusammenhang mit (christlichen) Traditionen nämlich arg verpönt – womit wir wieder bei den oben genannten Hassen wären.

Der Hass auf Halloween ist also komplex. Aber auch Margot Käßmann verteufelt Halloween nicht komplett und erteilt zumindest der Kürbis-Deko Absolution. Denn, so Käßmann, „ein Kürbis in der Wohnung schadet sicher nicht.“ Gut, dass ich noch einen da habe. 


Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf

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