Woher der Hass? Laktoseintoleranz

Die Bahn, deutsches Fernsehen, München: Es gibt Dinge, die ausgiebiger und gemeinschaftlicher gehasst werden als andere. Warum ist das so? Und was sagt dieser Hass über uns? Diesen Fragen geht unsere Kolumne nach. Teil 5: Laktoseintoleranz
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Illustration: Julia Schubert



„Möchtest du einen Joghurt essen?“

„Nein danke, davon bekomme ich Durchfall.“ 

Dieser Dialog ist selten. Zum Glück. Denn „Nein danke“ reicht als Antwort völlig aus und die Beschaffenheit des Stuhlgangs ist kein Thema, über das es sich schön miteinander sprechen lässt. Seit einigen Jahren gibt es aber noch eine andere Art, den Joghurt abzulehnen, ohne den Durchfall zu erwähnen: „Nein danke, ich habe Laktoseintoleranz.“ 

Laktoseintoleranz klingt wie eine Krankheit oder eine Allergie und wird von denen, die sie haben, auch so behandelt. Sie verzichten auf Milchprodukte aller Art, fragen im Café, ob es denn auch „Milchkaffee mit laktosefreier Milch“ gibt, lagern in ihren Kühlschränken Milchtüten, auf denen „Minus L“ oder „Soja“ steht, und essen nur Zartbitterschokolade aus dem Reformhaus. Der Markt hat sich eingestellt auf die Laktoseintoleranten, damit sie nicht mehr so schrecklich oft Blähungen haben müssen. Angefangen hat das alles, weil irgendwann jemand, vielleicht sogar ein Arzt, „Sie haben Laktoseintoleranz“ sagte, als jemand nach einem Glas Milch sehr oft pupsen musste. Und auf einmal waren massenweise Menschen überglücklich, dass es endlich eine Erklärung für dieses ihnen bekannte Problem gab. Und einen einen Namen, bei dem niemand „Zu viel Information!“ dachte, sondern: „Oh je, das tut mir leid!“

Zumindest anfangs. Aber als die Laktoseintoleranzdiagnosen sich zu häufen begannen und teilweise auch selbst gestellt wurden, reagierten die laktosetoleranten Menschen genervt darauf. Es wurde ihnen zu viel. „Die sollen sich mal nicht so anstellen“, brummelten sie in ihre Milchgläser. Sie rollten mit den Augen, wenn wieder jemand ein „Minus L“-Paket aufs Kassenband legte. Und sie googelten. „Laktoseintoleranz ist ja gar keine Krankheit und auch keine Allergie“, riefen die Genervten dann nach der Belehrung durch das Internet, „es ist eine Lebensmittelunverträglichkeit! Fast alle Menschen haben das!“

Stimmt. 75 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung vertragen keinen Milchzucker. Als Neugeborene produzieren sie alle ein Enzym, das die Laktose abbaut, später, wenn sie sich nicht mehr hauptsächlich von Milch ernähren, lässt diese Produktion nach. Auf der Südhalbkugel beträgt die Laktoseintoleranz unter Erwachsenen teilweise 80 bis 100 Prozent. Auf der Nordhalbkugel und vor allem dort, wo es traditionell Milchwirtschaft gibt, liegt der Wert aber nur zwischen 0 und 40 Prozent. Demnach ist man in Deutschland eher die Ausnahme, wenn auf Joghurt Übelkeit folgt. Aber man ist trotzdem kerngesund.

Laktoseintoleranz zählt damit zu den Problemen, für die die Menschen in befriedeten, industrialisierten, demokratischen Gesellschaften die Zeit und die Möglichkeiten haben. Sie gehört damit auch zu den Problemen, die in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #FirstWorldProblems ironisch geteilt und belächelt werden, um klarzustellen, dass man sich des Leids auf der Welt bewusst ist und weiß, dass die eigenen Probleme gar keine echten Probleme sind. Weil die Laktoseintoleranten ihr Problem mit dem Milchzucker aber sehr ernst nehmen und ihren Kaffee entsprechend bestellen, werden sie gehasst.

Gesunde Menschen hassen es, wenn andere Gesunde einen Leidensdruck vorgeben, wo es ihrer Meinung nach keinen gibt. Sie sagen dann „Der/die will sich doch nur interessant machen“, „Der/die braucht immer eine Extrawurst“ oder schlicht „Modekrankheit“. Das sind in einer Industrienation mit funktionierendem Gesundheitssystem, in dem die meisten Menschen ihre Zähne erst im hohen Alter verlieren und fast niemand an einer Grippe sterben muss, die schlimmsten Vorwürfe. Die Laktoseintoleranten gelten als verwöhnt und überversorgt. Wer darauf achten kann, sich ohne Milchzucker zu ernähren, dem geht’s wohl zu gut. Der hat zu wenig Selbstwertgefühl und muss sich über ein vorgebliches Leiden definieren, auf dass man ihn bitte mit Rücksicht behandle. Kurz: Wer intolerant gegenüber Laktoseintoleranten ist, hält diese für Menschen, die nicht darüber nachdenken, dass es anderen viel schlechter geht als ihnen – was man, wenn es einem gut geht, bitte andauernd tun soll, anstatt zu jammern. Das ist man der Welt schuldig. Wenn man jetzt Krebs bekommt, okay. Aber ansonsten bitte, so denken die Laktoseintoleranz-Intoleranten: auf Milch verzichten und Klappe halten.

Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf

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