Woher der Hass? Randlose Brillen

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Stephan Weil ist Ministerpräsident von Niedersachsen. Könnte passieren, dass man das einmal kurz vergisst, weil Stephan Weil nicht so oft in den Medien vorkommt und als eher unauffälliger Mensch gilt. Kommt er doch einmal in den Medien vor, steht da vor allem, wie unauffällig er ist. Dass Weil zu den blassen Spießertypen gehört, muss in den Texten dann auch nicht über viele Absätze hinweg begründet werden. Es reicht einfach, seine Brille zu erwähnen: der „unauffällige Mann mit der farb- und randlosen Brille“ (Main-Post), „weißes Hemd mit halbem Arm, Krawatte, randlose Brille“ (Die Welt), „Schütteres Haar, randlose Brille, mittlere Größe, schlank – ein vollkommen unauffälliger Typ“ (stern.de).
 

Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Nun mag Unauffälligkeit unter Politikern vielleicht eine Tugend sein wie unter Ninjas oder Schneeeulen – in der Modewelt ist sie ein Todesurteil. Die randlose Brille hat es deshalb zu einer Art Nullpunkt der Mode gebracht, zum Unfashion Item schlechthin. Wie verstörend diese Modelle sein können, merkt man vor allem, wenn man sich Randlose-Brillen-Werbung ansieht. Ein auf Randlosigkeit spezialisierter Hersteller hat für eine Kampagne die Schauspieler Patrick Dempsey und Cate Blanchett engagiert. Und wenn man die Fotos sieht, kann man hinter der Brille zwar irgendwie noch Reste von Sexappeal und Glamour ausmachen, aber irgendetwas stimmt da nicht. Warum will mir Cate Blanchett plötzlich eine Berufsunfähigkeitsversicherung verkaufen?
 
Das zeigt, wie die Welt gerade auf dem Kopf steht: Eigentlich war ja die Nerd-Brille mit ihrem extradicken Rahmen der Paria im Brillenetui. Inzwischen trägt sie jeder Profi-Fußballer. Das Außenseitermerkmal gehört jetzt ihrer randlosen Antithese. Für die Brille mit dickem Rand wird man von den coolen Jungs in der Pausenhof-Raucherecke mit Fist-Bump begrüßt. Für eine randlose Brille wird man im Sportumkleideraum mit seiner Unterhose am Kleiderhaken aufgehängt.
 
Woher kommt diese Ablehnung also? Da ist natürlich dieser völlig aus der Zeit gefallene, naive Funktionalismus, der auf stilsichere Menschen abschreckend wirkt. Brillenhersteller geben als Vorteile randloser Brillen an: die Leichtigkeit, die uneingeschränkte Sicht, die Freiheit in der Wahl der Glasform. Wer sich wegen so etwas für eine randlose Brillen entscheidet, der tauscht auch seine schönen Altbaufenster gegen weiße Plastikgucklöcher, um einen Energiepass beantragen zu können – so lästern die Stil-Menschen und blicken angewidert durch ihre Jil-Sander-Gestelle.
 
Vielleicht wäre die ganze Sache auch weniger seltsam, wenn randlose Modelle tatsächlich völlig verschwinden würden im Gesicht der Träger. Aber man sieht sie ja immer noch und in ihrer betonten Unauffälligkeit fällt sie noch mehr auf. Die randlose Brille ist wie das drübergekämmte Haar bei Halbglatze: „Heyhey, fällt gar nicht auf, dass ich ne Brille trage, so randlos wie die ist, was?“, schreit einen das Gesicht des Trägers ständig an. Deswegen kommt die randlose Brille Journalisten ja auch als erstes in den Sinn, wenn sie über Stephan Weil schreiben. Stephan Weil ist übrigens Ministerpräsident von Niedersachsen, falls es jemand schon wieder vergessen haben sollte. 


Text: lars-weisbrod - Illustration: Daniela Rudolf

  • teilen
  • schließen