Woher der Hass? Raufasertapete

Manche Dinge werden leidenschaftlicher gehasst als andere. Diese Kolumne erklärt, warum. Folge 17: Spießerpapier an der Wand
nadja-schlueter
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Illustration: Julia Schubert



Wenn man – was nicht oft vorkommt – „Raufaser“ und „Witz“ googelt, findet man unter anderem dies: „Stellt euch mal vor, ich habe doch glatt heute Nacht geträumt, ich würde bei Claudia Schiffer die Wohnung mit Raufaser bekleben. Und als ich aufgewacht bin, hatte ich den Kleister noch zwischen den Fingern!“

Der Witz hat alles, was muffig-kleinbürgerlichen Schenkelklopfer-Humor ausmacht. Unter anderem eben die Raufasertapete, das Gegenteil von Sexyness, die aus feuchten Träumen klebrige Kleisterträume macht. Eine blödere Pointe findet man höchstens, wenn man „Käseigel“ und „Witz“ googelt (keine Gewähr).

Interessant ist auch die Paarung: Claudia Schiffer – seit Ende der Neunziger vorbei. Die Raufasertapete – immer noch da! Hat man sie in der einen Wohnung mühevoll von der Wand gekratzt, taucht sie beim nächsten Umzug wieder auf, drei Mal überstrichen und noch grobkörniger strukturiert als beim letzten Mal. Man will sie mit Schwung von den Wänden reißen, aber ach, es geht ja nicht, ohne stundenlanges Einweichen und Spachteln!

Das Problem ist, dass Raufaser praktisch und umständlich zugleich ist. Auch wenn man sich daran satt gesehen hat, findet man sich oft mit ihr ab, weil sie pflegeleicht ist, es aber auch so schwer ist, sie loszuwerden. Ein Leben mit Raufaser gleicht einer Ehe, in der die Partner nur noch zusammen bleiben, weil alles andere viel umständlicher wäre. Man kann sich ja zwischendurch mal einen neuen Anstrich geben. Aber wenn aus Liebe Pragmatismus wird, ist der Weg bis zur Genervtheit und von dort bis zum Hass nicht mehr weit. Das ist der Raufaser auch passiert.

Denn Raufaser war mal Avantgarde. In den Sechzigern war Tapete spießig und Raufaser ihr puristisch-modernes Gegenstück. Als die 68er älter wurden, ließen sie sie in den Stadtwohnungen kleben und tapezierten sie neu in ihren vorstädtischen Einfamilien- und Reihenhäusern. „Your house was very small, with woodchip on the wall“, sangen Pulp in den Neunzigern und beschrieben damit ein kleinbürgerliches Familienleben. Heute ist Raufaser dadurch überall, aber auch endgültig verspießert. Man will jetzt den neuen Purismus, man will den rohen Putz. Und, ganz wichtig: Der Purismus darf nicht raufasermäßig praktisch, sondern muss mühevoll erarbeitet sein. Am Ende soll alles leicht und luftig aussehen, aber es muss auch klar sein, dass diese Leichtigkeit schwere Arbeit und ein gutes Auge erfordert. Raufaser geht nicht mehr zusammen mit dem, was Wohnen heute bedeutet. Mit der ewigen Ausstellung des eigenen, minutiös ausgearbeiteten Wohnraums bei Pinterest, Instagram und „Freunde von Freunden“. In der alles verachtet wird, was nur ansatzweise nach Lieblosigkeit riecht. Und etwas lieblos, das ist die Raufaser ja schon, mit ihrer „Streich’ halt drüber“-Eigenschaft.

Auch in der Tapetenindustrie kennt man übrigens den Raufaser-Hass. Nach deren Definition ist die Raufaser Papier, und darf erst Tapete genannt werden, wenn sie an der Wand klebt und gestrichen wurde. Das macht sie zu einem sogenannten „Halbprodukt“. Wer will bitte schon von vier Wänden voll Halbprodukt umgeben sein? Wenn man – was selten vorkommt – „Raufaser“ und „ganzheitlich wohnen“ googelt, bekommt man darum auch null Ergebnisse.



Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf

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