Woher der Hass? Schlechtes Wetter

Es gibt Dinge, die leidenschaftlicher gehasst werden als andere. Warum? Diese Kolumne erklärt es. Folge 6: Regen und Wolken.
lars-weisbrod

Neulich vergaß die Tagesschau den Wetterbericht. Stattdessen war der Bildschirm einfach schwarz. „Wir bedauern sehr, dass die Tagesschau heute kein Wetter enthalten hat“, entschuldigte sich die ARD anschließend. Eine überflüssige Entschuldigung natürlich, weil ja auch der Wetterbericht völlig überflüssig ist: Neben dem Fernsehprogramm ist er die schlimmste Vergeudung von Zeitungszeilen, Sendeminuten und wertvollem Platz auf dem Infoscreen in der U-Bahn.

Man muss sich diese tägliche Nachrichtenroutine einmal in all ihrer Absurdität klarmachen: Der Wetterbericht teilt nicht nur mit, wie das Wetter morgen werden könnte, er verkündet oft sogar, wie das Wetter gerade im Moment ist. Am allerabsurdesten wird das im Radio, wo Moderatoren das Wetter nicht nur so oft, sondern auch so ortsgenau wie möglich berichten: 22 Grad gerade in Alzey, 24 hingegen schon in Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo man Glück hat, und jetzt Daumen drücken, dass es auch in Pirmasens noch ein bisschen wärmer wird (19 Grad im Moment).  

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Illustration: Julia Schubert

Immer staatstragend und existentiell: Reden übers Wetter.

Eigentlich dürften sich nur Landwirte, Schiffskapitäne und begeisterte Hurrikan-Jäger für so haargenaue Informationen interessieren. Für alle andere müsste die Regel gelten, die der Schriftsteller Max Goldt schon vor vielen Jahren aufgestellt hat: “Wer wissen will, wie das Wetter ist, soll aus dem Fenster gucken. Wer wissen will, wie das Wetter morgen ist, möge morgen aus dem Fenster gucken.”  

Trotzdem gilt es in diesem Land als Bürgerpflicht, immer darüber Bescheid zu wissen, wie das Wetter gerade ist, vielleicht sogar sicher zu sein, dass es überhaupt noch Wetter gibt und nicht alles draußen nur noch schwarzer Bildschirm ist. Wetter ist ein deutscher Fetisch. Dabei sind die Präferenzen auch noch völlig verkehrt herum: Interessant ist Wetter ja, wenn es mal ordentlich blitzt, dass es einen zuhause vor dem Ofen gruselt. Oder wenn Sturzbäche an Regen runterkommen, dass man denkt: Jetzt wäscht der endlich mal den ganzen Unrat aus den Straßen der Stadt. Seltsamerweise gelten Gewitter und Regen aber als schlechtes Wetter, und bei schlechtem Wetter kriegen die Leute schlechte Laune. Wegen schlechtem Wetter wandern die Leute sogar aus Deutschland aus, obwohl es doch viele einleuchtendere Gründe gäbe, aus Deutschland auszuwandern.  

Sonnenschein hingegen ist beliebt, er steht für sogenannte Lebensqualität. Wie abhängig die Menschen vom Wetter sind, das zeigt allein schon dieses Wort. Es klingt nach Palliativmedizin, nach ernsten Gesprächen zwischen Arzt, Patient und Angehörigen, nach „nur noch wenige Monate“ und „das Einzige was wir noch tun können: die Lebensqualität erhalten“. Als sei ein bisschen weißblauer Himmel überm Starnberger See alles, was uns bleibt.  

Es geht um einen gefühlten Grundanspruch - und absolute Machtlosigkeit

Den deutschen Raussetzfimmel bei Sonnenschein und die Palliativmedizin zu vergleichen, das ist natürlich seltsam existenziell und staatstragend. Aber genauso ist der Umgang mit dem Wetter ja auch: seltsam existenziell und staatstragend. Vermutlich weil bei der Frage nach Regenwahrscheinlichkeiten und Sonnenstunden zwei Dinge zusammenkommen, die in ihrer Mischung Stoff für echten Hass sind: Auf der einen Seite das Gefühl, einen Grundanspruch auf etwas zu haben – wenn schon nicht auf Würde trotz Hartz IV oder Privatsphäre im Internet, dann wenigstens auf ein bisschen gutes Wetter. Auf der anderen Seite das Wissen, rein gar nichts dafür tun zu können, dass dieser Anspruch auch eingelöst wird. Denn was ist schon schicksalhafter als Wetter?  

Nichts. Das hat sogar das Landgericht Hannover einmal bestätigt, als es den Fall eines Touristen verhandelte, der Geld zurück wollte, weil das Wetter nicht so gut war. Die Klage wurde abgewiesen. Der Reiseveranstalter habe keinen Einfluss auf Naturereignisse wie schlechtes Wetter, stellte das Gericht fest (AZ: 1 O 209/07). Keiner hat da Einfluss, und das kann einen schon einmal in den Hass treiben. Da hilft nur Daumendrücken für Pirmasens.


Text: lars-weisbrod - Illustration: Daniela Rudolf

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