Woher der Hass? Tandems

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Wenn man auf der Parkbank sitzt und erst ein Fahrrad, dann ein Fußgänger und dann ein Tandem vorbeikommt – dann denkt man einen kurzen Moment, man hätte sich gerade verguckt. Zwei Leute, die hintereinander auf einem absurd langen Fahrrad sitzen und synchrone Strampelbewegungen machen? Echt jetzt?
 
Klar, Tandems müssen bei irgendwem beliebt sein, sonst würde ja niemand auf einem vorbeifahren. Aber die meisten Menschen radeln lieber auf Einsitzern und machen sich lustig über Doppelsitzer. Sie können nicht mal „Tandem“ sagen, ohne zu schmunzeln, und schwören, dass sie sich niemals draufsetzen würden, weder hinten noch vorne. „Albern“ seien Tandems, sagen die Tandem-Hasser, und es stimmt schon: Menschen auf Tandems sehen aus, als strampelten sie gerade durch den Sat.1-Fun-Freitag oder seien eine Slapstick-Einlage, die zwar lustig gemeint ist, über die aber trotzdem keiner lacht.
 

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Illustration: Julia Schubert

Sinnbild eines verhassten Beziehungsmodells: ein Tandem.

Hinter der Tandem-Ablehnung steckt aber noch mehr. Zum einen eines der quälendsten menschlichen Gefühle: die Fremdscham. Also das Wissen darum, dass etwas gerade peinlich aussieht, die Betroffenen das aber anders sehen. Oder, noch schlimmer, dass sie es wissen, diese Peinlichkeit aber irgendwie „witzig“ finden. Im Forum einer Datingseite im Internet schreibt ein User: „Ich finde Tandemfahren lustig, aber ich finde ich ja auch Partnerlook cool! ;)“ Ein Zwinkersmiley! Der meint Tandemfahren ironisch! Dabei vergisst er, dass Ironie nur in Verbindung mit Würde funktioniert. Wenn jemand ironisch ein Kassenbrillengestell auf der Nase tragen will, muss er mehr Haltung bewahren als jeder andere Brillenträger – sonst wirkt das Kassengestell bloß noch geschmacklos. Nun ist Würde schon auf einem normalen Fahrrad schwer zu bewahren. Auf einem Tandem ist sie unmöglich.
 
Die Überschrift des Forum-Beitrags lautet: „Welche Sportart eignet sich für Paare?“ Und das ist der zweite Hass-Anzünder: Tandems werden meist von Paaren gefahren. Nun sind Heterosexuelle Paare an sich schon ein leichtes Ziel. Weil sie sich viel zu häufig in einen symbiotischen Organismus verwandeln und gar nichts mehr allein entscheiden. Heterosexuelle Paare, die „etwas zusammen machen“ wollen und dafür ein Tandem besteigen, sind noch viel angreifbarer. Weil man sich bei ihrem Anblick sofort vorstellt, wie sie gesagt hat: „Wenn wir zusammen Rad fahren, fährst du immer 300 Meter voraus, das nervt!“ Wie er gesagt hat: „Du hängst doch immer 300 Meter zurück, das nervt!“ Und wie dann die Lösung nicht etwa lautete, dass einer langsamer beziehungsweise schneller fährt und zwei erwachsene Menschen einen Kompromiss finden, weil die Liebe sogar unterschiedliche Radfahrgeschwindigkeiten überwindet. Sondern weil beide sich lieber pragmatisch zusammenketten, die Selbstbestimmung aufgeben, vorne der Mann, hinten die Frau, das Tandem als Sinnbild eines verhassten Beziehungsmodells.
 
Besser wäre, der eine fährt, der andere sitzt auf der Stange. Da hat man immerhin Körperkontakt und alles ist so improvisiert, dass man zusammen lachen muss. Und wenn man umfällt, kann man einfach knutschen.



Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf

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