Woher der Hass? TV-Kommentatoren

Manche Dinge werden leidenschaftlicher gehasst als andere. Diese Kolumne erklärt, warum. Folge 10: Fußball-Live-Erklärer.
lars-weisbrod

Auch diese WM ist für Béla Réthy keine leichte. Aber was ist schon leicht, wenn man Fußballspiele kommentieren muss? Im Internet fordern Leute ständig, dass er gefälligst abgesetzt werde, oder sie erzählen, dass sie grundsätzlich den Ton ausschalten, wenn er seine Arbeit macht: "Ich lass immer auf einem zweiten Fernseher eine Dauerwerbesendung laufen, wenn Béla kommentiert. Selbst wenn es um Pfannen und Töpfe geht – es passt fast immer besser zum Spiel."

Für Béla Réthy ist das besonders fies, denn es wirkt dann immer so, als sei er ein besonders schlechter Fußballkommentator. Das ist natürlich Quatsch, denn Fußballkommentatoren sind alle gleich schlecht. Auch Wolff-Christoph Fuss würde von allen gehasst, müsste er im ZDF Deutschlandspiele kommentieren. Ein Kommentator hat einen Job, in dem er nichts richtig machen kann. Entweder er ist zu parteiisch oder zu emotionslos. Entweder er hat keine Ahnung oder er gibt an mit Detailwissen, das ihm Praktikanten zurechtgelegt haben. Nicht mal richtig sprechen kann er, beschwerte sich die Frankfurter Allgemeine neulich, nämlich nur "entweder mit der Ignoranz eines Fanmeilenprolls (Albizeleste, Selesau) oder mit jener prätentiösen Überkorrektheit, die das exotische Wesen fremder Mannschaften erst recht unterstreicht".

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

In einer Angela-Merkel-Welt der abgesichterten Mini-Statements steht der Fußball-Kommentator im rauen Wind des Zufalls.

Der Kommentator kann im Gegensatz zu den Spielern unter ihm auf dem Platz nur verlieren. Dauernd passiert irgendwas Spontanes und irgendwie soll er das auch noch vorausahnen. Lobt er einen Spieler, fällt genau der im Moment des Lobes durch eine dumme Abwehraktion auf. Hält der Kommentator die Spannung hoch ("Alles ist noch drin, man denke nur an das Champions-League-Finale Bayern gegen Manchester"), passiert dann doch nichts mehr. Erklärt der Kommentator das Spiel für beendet ("Man kann schon mal zum Einzug ins Halbfinale gratulieren"), kippt dann doch alles noch um. Ruft der Kommentator "Abseits", war’s doch keins, sagt er "Hier lag der Schiedsrichter falsch", straft ihn die Video-Wiederholung Lügen.

An dieser Stelle muss nun Angela Merkel ins Spiel kommen. Denn man sollte sich klar machen, was für eine außergewöhnliche Tätigkeit das Live-Kommentieren eines unberechenbaren Spiels in Zeiten der Merkel-Republik ist; in Zeiten also, in der die oberste Maxime von Menschen in der Öffentlichkeit ist, bloß keine Angriffsfläche zu bieten. Wer im Fernsehen zu sehen oder auch nur zu hören ist, weiß, dass er nur wasserdichte, aseptische Kurzstatements abliefern darf, die alles oder nichts heißen können. Bloß nichts sagen, was sich morgen als falsch erweisen könnte, sonst wird man nachher bei Günther Jauch darauf angesprochen.

Nur der Fußballkommentator steht noch draußen im rauen Wind des Zufalls, in einer Welt, in der nichts sicher ist, aber uns trotzdem immer jemand sagen soll, was genau gerade passiert, wie das einzuordnen ist und welche Auswirkungen es auf unser Wochenende hat. Konsequenterweise hassen wir ihn, weil er sich dabei manchmal irrt. An Béla Réthy statuieren wir ein Exempel: Wer sich aus dem Fenster lehnt, den schubsen wir auf jeden Fall hinaus.



Text: lars-weisbrod - Illustration: Daniela Rudolf

  • teilen
  • schließen