Woher der Hass? Veronica Ferres

Manche Dinge werden gemeinschaftlicher gehasst als andere. Diese Kolumne erklärt, warum. Folge 13: olle Gretel.
nadja-schlueter

Veronica Ferres sitzt bei Stern TV und spricht über ihr neues Filmprojekt. „In meinem nächsten Zweiteiler spiele ich eine jüdische, von Al Kaida verfolgte, halbseitig gelähmte und geschiedene Deutsch-Russin, deren Mann bei einem Bombenanschlag verbrennt“, sagt sie und sieht dabei sehr ernst aus, weil es sich natürlich um einen sehr ernsten Film handelt. 

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Illustration: Julia Schubert



Obwohl Veronica Ferres wirklich oft im Fernsehen sitzt und so oder ähnlich von ihren dramatischen Rollen erzählt, stammt das Zitat aus der TV-Parodie-Sendung Switch reloaded, in der sie von Susanne Pätzold gespielt wurde. Es ist der klassische Ferres-Witz: Die Vroni hat schon so viele dramatische Mutter-Randgruppen-Holocaust-Flüchtlings-DDR-Armuts-Selbstlosigkeits-Rollen gespielt, immer mit ein bisschen Ruß auf den hohen Wangenknochen, einem Riss im Kleid und zerwühltem blondem Haar, dass man nur noch darüber lachen kann, wenn sie wieder mal ihre Kinder rettet oder in einem Versteck kauert. 

Veronica Ferres wird wegen ihrer etwas einseitigen Rollenwahl ausgelacht, ist ein beliebtes Listen-Journalismus-Objekt (welche Rollen sie schon hatte, mit welchen triefenden Sätzen sie diese angekündigt hat, wie oft sie schon von wem wann wie verrissen wurde) und kommt in beinahe jeder Filmkritik schlecht weg. Es herrscht also eher nicht so gute Ferres-Stimmung da draußen. Ihr Name wird in Foren-Diskussion mit Titeln wie „Irrationaler, zügelloser Hass: Eure Anti-Schauspieler“ oder „Welche deutschen Schauspieler mögt ihr GAR NICHT?“ genannt (gerne auch in Verbindung mit Til Schweiger, „kann BEIDE NICHT MEHR SEHEN bitte bitte bitte“) und eignet sich gut dafür, in leicht angetrunkenen Partyrunden hitzige Diskussionen und ausgewachsene Schimpftiraden auszulösen, in denen Begriffe wie „Pfannkuchengesicht“, oder „olle Gretel“ vorkommen.

Dabei ist Veronica Ferres ja eigentlich sehr erfolgreich. Sie hat schon haufenweise Preise gewonnen, zwei moralisch integre Kinderbücher geschrieben und spielt sogar in internationalen Filmen mit, was nicht vielen deutschen Schauspielern vergönnt ist. Sie ist die Vorzeige-Dame der deutschen Film- und Fernsehindustrie. Und das ist gleichzeitig das Problem.

Die Ferres-Hasser wollen das nämlich nicht. Sie finden, dass eine Frau, die sich auf politisch korrekte, seichte Frauenrollen einschießt und eine Theaterrolle als Prostituierte mit der Begründung ablehnt, das sei nicht mit ihrer „künstlerischen Integrität“ vereinbar, nicht für die deutsche Unterhaltungsindustrie stehen sollte. Das ist ihnen peinlich, weil es so langweilig und wenig mutig ist, und sie haben Angst, dass es auf sie, die ja hier leben und fernsehen und manchmal sogar ins Theater gehen, zurückfällt. Darum distanzieren sie sich.

Das Problem ist aber: Es stimmt. Die deutsche Unterhaltungsindustrie ist ja wirklich so: seichte Rollen aus dem Kosmos der Geschichtsaufarbeitung, eine High Society, in der man an der Seite von Carsten Maschmeyer groß in der „Bunten“ rauskommt, moralisch integre Kinderbücher, Rumgesitze in Talkshows. Die bundesrepublikanische Unterhaltungsindustrie steckt in den Neunzigerjahren fest und Veronica Ferres mit ihr und als ihr Aushängeschild. Und weil wir es auch in so vielen anderen Bereichen nicht aus den Neunzigern herausschaffen und, jetzt nur mal als Beispiel, Mütter viel zu oft immer noch so sind, wie die Ferres im Fernsehen, steht sie am Ende vielleicht sogar für Deutschland als Ganzes.

Der Ferres-Hass ist also die Angst davor, selbst genau so zu sein. Dass man es nie weiter schaffen könnte als bis zu einer Rolle in „Das Geheimnis der Wale“, in die „Alete“-Werbung und an die Seite von Carsten Maschmeyer. Veronica Ferres, das ist die große Trägheit, der wir alle immer wieder verfallen. Und bekanntlich hasst man ja das am meisten, was einem am nächsten ist. Jedes Land bekommt eben die Veronica Ferres, die es verdient.

Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf

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