Stell dir vor, du sitzt in der S-Bahn und bist sehr müde. Du möchtest dich ausruhen, dich vom Schaukeln der Bahn in den Schlaf tragen lassen. Du lehnst dich an die Scheibe, das ist bequemer. Und dann spricht eine Stimme in deinem Kopf. Sie sagt dir, dass du eine App herunterladen sollst. Du erschrickst und das zurecht. Stimmen im Kopf, das ist eigentlich nicht gerade gesund. Falls dir genau das neulich in der S-Bahn passiert ist, kannst du aber ganz beruhigt sein: Es war bloß Werbung. Sogar nur ein Werbe-Test.

Der Probelauf in München und Aachen wurde von einer Düsseldorfer Werbeagentur und dem Bezahlsender Sky durchgeführt und funktioniert so: Ein kleiner Sender, der an der Fensterscheibe der Bahn befestigt ist, überträgt elektrische Signale in Vibrationen, die Scheibe wird erschüttert. Diese Vibrationen werden wiederum auf den Schädelknochen der Person übertragen, die sich mit dem Kopf an die Scheibe lehnt. Dass sie dann in ihrem Kopf die Stimme hört, die ihr eine App gegen Bahnfahr-Langeweile empfiehlt, liegt am sogenannten „Knochenschall“: Die Schall-Schwingungen werden über die Schädelknochen weitergeleitet, die den Gehörgang umgeben. Das Mittelohr und damit auch die Komponenten, die normalerweise dafür verantwortlich sind, dass wir hören, wie das Trommelfell, werden nicht beansprucht. Der Knochenschall wird sonst vom Luftschall, also dem „normalen“ Hören übertönt. Trotzdem kennen wir ihn alle: Er ist dafür verantwortlich, dass wir unsere Stimme selbst anders hören als unsere Mitmenschen (oder als sie auf einem Tonband klingt), weil die Schall-Schwingungen beim Sprechen ebenfalls von den Schädelknochen geleitet werden. 

Das Ganze ist also erstmal gar nicht so gruselig, wie man denkt, weil es ein ganz normaler anatomischer Vorgang ist. Neu ist die Knochenschalltechnologie auch nicht. Erstmals wurde sie wohl, wie so viele technische Neuerungen, bei Militär und Polizei genutzt, um bei Einsätzen Kommandos über Kopfhörer zu empfangen, die die Umgebungsgeräusche nicht abschotten, weil man sie nicht auf den Ohren tragen muss. Anschließend wurde sie für Hörgeräte eingesetzt. Beliebt ist sie außerdem bei Zauberern, die bei ihren Freiwilligen aus dem Publikum die Illusion erzeugen wollen, jemand spräche in ihrem Kopf. Mittlerweile gibt esGlasses einsetzen, die damit nicht nur visuell, sondern auch akustisch funktionieren würden. Wer sie trägt, würde damit langsam zum Biohacker, also einem Menschen, der den Körper mit Technik verbindet, um die Wahrnehmung zu verbessern oder Defizite auszugleichen. Jüngstes Beispiel: Rich Lee, der sich Kopfhörer in Form kleiner Magneten in die Ohren implantieren ließ. 

Die Google Glasses setzt man sich allerdings aus freien Stücken auf, man kann selbst entscheiden, ob man einen Schritt in Richtung realer Cyborg geht oder nicht. Doch die Werbeaktion in der U-Bahn macht vielen Angst, weil die Technik hier in unser Leben übergreift, ohne dass wir es kontrollieren können. Sie überfällt uns in einem Moment, in dem wir nicht mit ihr rechnen. Kopfhörer, die uns die Umwelt noch wahrnehmen lassen, sind okay. Aber bei Werbung, die in unseren Kopf eindringt (und sei es nur durch Schallwellen), werden wir skeptisch, zumal sie in diesem Fall auf Menschen abzielt, die müde sind und eigentlich ihre Ruhe haben wollen. Die Kommentare unter dem Präsentationsvideo der Werbekampagne auf YouTube fallen darum hauptsächlich negativ aus. Der Kommentar „Will get destroyed on sight“ hat bereits über 60 Likes, ein anderer lautet „fucking brainwash by the illuminati“. Ein Nutzer beklagt sich, dass er nicht mit Werbung behelligt werden will, wenn er sich in der Bahn ausruht, wäre aber für entspannende Musik zu haben. Die Botschaft ist also das größte Problem: der Aufruf zum Konsum, die Aufforderung, sich nicht auszuruhen und ins Dunkle des U-Bahn-Tunnels zu starren, sondern zu konsumieren.

 

Gegenüber Spiegel Online gab sich eine Sky-Sprecherin zurückhaltend und sagte, die Idee sei für den Kreativ-Wettbewerb „Cannes Lions“ entwickelt worden. Zwar würden sie die Möglichkeiten ausloten, diese Verbreitungskanäle wirklich für Werbung zu nutzen, aber nur, wenn sich die Fahrgäste dadurch nicht gestört fühlten. Die Online-Präsentation auf der „Cannes Lions“-Webseite endet mit dem Satz: „Welcome to the advertising world of minority report.“ Und das klingt ehrlich gesagt nicht besonders vertrauenerweckend.