Don't ask, don't tell!

Seit ein paar Tagen dürfen US-Soldaten sich zu ihrer Homosexualität bekennen. Wer das tut, muss aber offenbar mit Anfeindungen rechnen.
christian-helten

Dass ein amerikanischer Soldat, der im Fernsehen live aus dem Irak zugeschaltet ist, vom Studiopublikum lautstark ausgebuht wird, kann man sich eigentlich kaum vorstellen. Schon gar nicht, dass das in einer Sendung des Senders Fox passiert, dessen konservatives Publikum wahrscheinlich zu 90 Prozent einen „Support our Troops“-Aufkleber auf der Stoßstange seines Autos herumfährt. Für die meisten Amerikaner – und für die Konservativen unter ihnen erst recht – ist es selbstverständlich, die Soldatinnen und Soldaten moralisch zu unterstützen, die im Ausland für sie kämpfen. 

Es sei denn, diese Soldaten sind homosexuell.

Soldat Steven Hill, kurze Haare, muskulöser Nacken, starke Oberarme, ist homosexuell. Er war gestern live im Fernsehen zugeschaltet und sollte den Bewerbern im Wahlkampf um die republikanische Kandidatur zur Präsidentschaft eine Frage stellen. „Als ich 2010 in den Irak ging, konnte ich nicht sagen, wer ich bin. Weil ich ein schwuler Soldat bin und meinen Job nicht verlieren wollte“, begann Steven. Dann die Frage: „Wenn einer von ihnen Präsident wird, haben Sie dann vor, die Fortschritte zu verhindern, die schwule und lesbische Soldaten gerade gemacht haben?“ Noch bevor er die Frage ganz beendet hatte, buhte das Publikum.

Die Fortschritte, die Steven angesprochen hat, sind tatsächlich enorm. Am 20. September trat eine Richtlinie außer Kraft, die Mitgliedern des US-Militärs verbot, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen. „Don’t ask, don’t tell“, „DADT“ nannte sich die Regel, die 1993 unter der Präsidentschaft von Bill Clinton beschlossen wurde, um Schwulen und Lesben überhaupt den Militärdienst zu ermöglichen. Der Gedanke: Liebe Schwule und Lesben, niemand fragt euch nach eurer sexuellen Neigung, und im Gegenzug sprecht ihr nicht darüber. Denn das würde die Kampfmoral schwächen und für Ablenkung in der Truppe sorgen, was natürlich ganz schlimm und gefährlich wäre. Wer seine Homosexualität doch offen auslebte und darüber sprach, konnte entlassen werden. Insgesamt passierte das etwa 14000 Soldaten.

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Illustration: Julia Schubert


Am 20. September war Schluss mit der Richtlinie zur Geheimniskrämerei. Für viele Grund zum Jubeln.

Barack Obama ist mit dem Wahlkampfversprechen angetreten, die DADT-Richtlinie abzuschaffen. Bis Dezember 2010 hat es gedauert, dann stimmte nach dem Senat auch das Repräsentantenhaus dafür, diese Woche trat das Ende der Regel in Kraft. Fortan dürfen auch Homosexuelle ohne jede Geheimnistuerei zum Militär, die 14000 Entlassenen dürften wieder zurück (so sie denn noch wollen).  

Leicht wird es für sie trotzdem nicht, das zeigen die Buhrufe nach der Frage von Steven Hill und die seltsame Antwort, die Rick Santorum, einer der republikanischen Kandidaten gab: „Ich würde sagen, keine Art von sexueller Aktivität hat im Militär Platz.“


Text: christian-helten - Foto: afp

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