Hippies mit MacBook

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„Sunset Guesthouse“ ist eine kleine Pension in Phnom Penh, Kambodscha. Ein lärmempfindliches Zimmer kostet dort fünf Euro die Nacht und ein Bier auf der Dachterrasse so wenig, dass man sich den Preis erst gar nicht merkt. Dort auf der zerschlissenen Couch sitzt zwischen Dreadlockträgern und Neo-Hippies ein junger Mann und lädt Fotos von seiner 200-Euro-Kamera auf sein Macbook, um sie auf Facebook zu posten. Neben ihm liegt sein iPod und zwei Stockwerke tiefer befindet sich ein Handy und außerdem eine Plastiktüte für Akkus und Kabel, die er in einem seesackähnlichen Behälter gestopft hat. Nachdem er zwei oder drei Bier mit einer Meute verlauster Backpacker aus England, Australien und Israel getrunken hat, wird er Sunset Guesthouse verlassen und sich in sein frisch gemachtes Bett in einem 40-Dollar-Zimmer legen und sich kurz darüber freuen, dass er seinen Jahresurlaub nicht wie seine Kollegen in Südfrankreich verbringt. Damit man solche Menschen in Zukunft nicht mehr mit Backpackern verwechselt, gibt es einen neuen Begriff dafür: Flashpacker.

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Illustration: Julia Schubert

Die Vorsilbe „Blitz“ deutet meist daraufhin, dass etwas sehr schnell geht, schneller, als man es für möglich gehalten hätte. Der Flashpacker ist gewöhnlich kürzer unterwegs als der Backpacker, dafür aber finanziell besser ausgestattet. Er mutiert innerhalb weniger Tage von einem Angestellten mit 9-to-5-Job in einen Hippie auf Zeit, und hängt für die Zeit seines Jahresurlaubs mit Dreadlock-Trägern in Flipflops herum. Statt sich allerdings vornehmlich von Banana-Pancakes zu ernähren, geht er lieber in ein Restaurant. Größere Strecken legt er mit dem Flugzeug anstatt mit einheimischen Bussen zurück und ein Bett in einem „Dorm“ ist ihm ein Gräuel. „A simple definition of the term Flashpacker can be thought of as backpacking with flash, or style.”, heißt es auf wikipedia. Eine andere Definition bezieht sich mehr auf die Art des Gepäcks, die der Flashpacker mit sich herumschleppt. „Flashpacking ist Backpacking mit einer Unmenge an technischen Geräten“, sagt Lee Gimpel, der einige Monate durch Indien reiste und seinen Trip auf einer Website dokumentierte. „Manchmal kam es mir vor, als bestünde die Hälfte meines Gepäcks aus Technikkram“. Der Flashpacker seiner Billigheimer-Backpacker-Zeit entwachsen, hat nun mehr Geld und weniger Zeit. Auf der Website backpacking.de wurde vor kurzem deswegen die Frage gestellt: "Flashpacking: Der Untergang der Backpacker-Bewegung?" Nach drei, spätesten vier Wochen, hat der Flashpacker dann 237 Fotos mit seiner Digitalkamera gemacht und sein Jahresurlaub ist aufgebraucht. Er rasiert er sich seinen Bart, lässt sich in einer größeren Stadt für drei Euro die Haare schneiden und fliegt nach Hause. Er wird wieder zum Anwalt, Unternehmensberater oder Architekt, der er ja eigentlich ist. Für einen Moment träumt er davon, nochmals wie damals während seines Studiums drei Monate oder länger zu verreisen, doch dann fällt ihm ein, dass ihm das eigentlich viel zu anstrengend ist.

Text: philipp-mattheis - Foto: AP

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