Kunst im Auftrag des Bösen

In Hamburg entbrennt ein Streit zwischen Künstlern und Anwohnern: Darf der Bauzaun eines umstrittenen Neubaus bemalt werden - oder handelt es sich dabei um "Artwashing"? Über einen neuen Kampfbegriff.
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Illustration: Julia Schubert

Am Bauzaun in Hamburg-Ottensen kämpfen sie um die Kunstfreiheit. Die Farbreste auf dem Boden zeugen vom Hin und Her, mit dem sich hier Streetart-Künstler und Anwohner seit zwei Monaten darum streiten, was auf dem Zaun in der Friedensallee zu sehen sein soll. Der Vorwurf steht im Raum, der Bauherr betreibe "Artwashing". Bitte was? Wenn die Mächtigen versuchen ihr schlechtes Image aufzupolieren, dann reden ihre Gegner schnell vom "Washing".  Zum Beispiel von "Whitewashing" für die absurde Maßnahme von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un, in einem der ärmsten Länder der Welt das erste Skigebiet zu eröffnen. Er versuche so, von seiner schmutzigen Weste abzulenken und sie "weiß zu waschen". Aber man kann die sprichwörtliche Weste auch in Grün oder Pink waschen. "Greenwashing" ist zum Beispiel, einer CO2-Schleuder wie dem Porsche Cayenne einen Hybridmotor einzubauen oder die Olympischen Spiele als umweltfreundlich zu bewerben. "Pinkwashing" nennen es Kritiker, wenn Unternehmen sich an Kampagnen gegen Brustkrebs beteiligen, obwohl sie selbst Produkte verkaufen, die das Brustkrebs-Risiko erhöhen.

Auch im Alltag greift der Vorwurf: Leni Riefenstahl macht "schöne Bilder"? Artwashing!

Vor ein paar Jahren kam nun das "Artwashing" hinzu, also der Vorwurf, ein schlechtes Image mit Kunst aufzupolieren. Der Vorwurf trifft vor allem Spender aus der Wirtschaft. Zum Beispiel die Schweizer Industriellenfamilie Schmidheiny, die in Rio de Janeiro ein edles Kunst-Museum bauen ließ. Das Geld dafür hatte sie während der Militärdiktaturen in Lateinamerika verdient. Aber auch im Alltag ist man nicht sicher vor "Artwashing"-Vorwürfen: Du verteidigst Leni-Riefenstahl-Filme wegen ihrer schönen Bilder? Artwashing! Inzwischen greift der Vorwurf auch in der Streetart. Zum Beispiel bei dem Bauzaun in Hamburg: "Reaktionen aus dem Stadtteil gab es schnell. Überwiegend positive", erzählt Tasek, einer der beteiligten Künstler. "Wir wussten, dass es eine Brisanz gibt an dem Ort, aber als Künstler im öffentlichen Raum suchst du natürlich auch das Spannungsfeld." Ihre Motive wählten sie selbst, Geld bekamen sie keins. Trotzdem wurde aus der anfangs dezenten Kritik schnell ein kleiner Shitstorm. Auf Facebook war die Rede von "Artwashing" und "Pseudo-Kunst-Credibility-Haltung". Die Bilder am Zaun wurden nachts mit brauner Farbe übermalt.  

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Illustration: Julia Schubert

Die Emotionen kochen schnell hoch, wenn es um die Zeise-Baustelle in der Friedensallee geht. In den nächsten Monaten wird es einen Bürgerentscheid gegen den Neubau geben. Ursprünglich sollten hier nämlich Miet- und Sozialwohnungen gebaut werden. Stattdessen plante der Investor kurzfristig ein neues Bürogebäude, was ihm die Stadt auch genehmigte. Hauptmieter der 800 neuen Büroplätze wird die Werbeagentur Scholz & Friends - laut Kritikern steckt dahinter ein Prinzip: Stadtplaner siedelten heutzutage bewusst "Kreativarbeiter" in Stadtteilen mit alternativen Milieus an, damit durch die eine Aufwertung in Gang kommt, die anderes Kapital anzieht. Und das in einem Stadtteil, der ohnehin mit Wohnungsmangel zu kämpfen hat. Die Streetart am Bauzaun brachte das Fass dann zum Überlaufen. Im Sommer wollte Tasek an dem Zaun eigentlich auch noch einen Workshop mit Kindern durchführen. Nun aber haben die Künstler ihr Projekt auf Eis gelegt. "Zur Zeit geht das nicht, wenn wir persönlich angegriffen werden und unsere Arbeit zerstört wird. Wir haben Verständnis für die Proteste, aber inhaltlich können wir uns nicht einschränken lassen, weder von Politik, Wirtschaft noch Initiativen." Die Kritiker überzeugt das nicht: "Das ist für Kunst der falsche Ort", sagt Hauke Sann von der Bürgerinitiative Pro Wohnen Ottensen, "wer im Sinne des Investors arbeitet und die Protestgraffitis übermalt, macht sich zum Teil des Projekts." So ein "Artwashing" an Bauzäunen kann aber auch funktionieren: Am Bauzaun der Europäischen Zentralbank in Frankfurt etwa durften sich Graffiti-Künstler über Monate austoben, die Bank bezahlte sogar die Sprühdosen. Die Sprüher sparten nicht mit Kritik am Finanzsystem, monatelang erschienen in Zeitungen Bilder von der Graffitiwand mit der Bank im Hintergrund. Für einige Monate war der Bauzaun ein gemaltes Stück Interessenausgleich.

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