Eigentlich dachte man in Chile, dass sich die Pinguine endgültig wieder beruhigt hätten. Doch als es am Donnerstag, dem "Tag des jungen Kämpfers" in der Hauptstadt zu Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei kam, standen wieder Schüler im Vordergrund.

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Chiles Jugend ist ziemlich sauer. Im vergangenen Jahr hatten Schüler im ganzen Land mit Streiks und Demonstrationen gegen das ungerechte Bildungssystem protestiert. Dazu hatten sie auch guten Grund. Denn das chilenische Schulsystem gehört wohl zu den ungerechtesten der Welt. Das „Gesetz zur Organisation der Chilenischen Bildung“ (LOCE) trat 1990 in Kraft, am letzten Tag der rechten Militärdiktatur Augusto Pinochets. Darin wird die gesamte Verantwortung für Bildung in den privaten Sektor verlegt, der Staat behält nur eine minimale Aufsicht.

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Die Verantwortung für die öffentliche Bildung liegt wiederum vollkommen bei den jeweiligen Kommunen, in organisatorischer wie in finanzieller Hinsicht. Die Folgen von LOCE waren so absehbar wie bestürzend. In Chile boomt das Geschäft mit der Bildung, unzählige private Universitäten und Institute werben um Kunden. Die besten Schulen des Landes sind nach aktuellen Erhebungen in der Hand der Evangelikalen Kirche, Opus Deis – und des Deutschen Bundes von Chile. Eine wirklich gute Ausbildung bekommt nur, wer einen wirklich dicken Geldbeutel besitzt. Und weil jede Stadt in individuell verwaltete Distrikte aufgeteilt ist, hängt das Niveau der Schulen überall davon ab, wie zahlkräftig die jeweiligen Anwohner sind. Es gibt kein Kind in Chile, das zur Schule gehen kann, ohne eine Menge Geld für den Bus, die Uniform oder seine Bücher ausgeben zu müssen.

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Kein Wunder also, dass sich die Schüler des Landes nicht mehr damit abfinden wollen – zumal LOCE auch das Kainsmal des letzten Gesetzes von Pinochet trägt. Was im April 2006 als spontaner Wutausbruch wegen erhöhter Prüfungsgebühren begonnen hatte, entwickelte sich über die Monate zu einer ausgewachsenen, professionellen Bewegung. Ihre Vertreter setzen sich aus den Jugendorganisationen aller Parteien zusammen - von der rechtskonservativen UDI bis zur Kommunistischen Jugend. Die Schüler schufen ein gemeinsames Logo – eben jenen überdimensionalen Pinguin, dessen Frack ein wenig an eine Schuluniform erinnert – und zeigten ein bemerkenswertes Organisationstalent. Über Blogs und Webplattformen koordinierten sich Demonstranten im ganzen Land, das von Nord nach Süd fast 6500 Kilometer lang ist. Obwohl ihnen lange niemand zuhören wollte, gaben sie sich erst zufrieden, als die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet öffentlich eine Bildungsreform versprach.

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Flugblatt der Pinguinos. Jetzt treten die Schüleraktivisten schon wieder auf den Plan. Anlass ist die Katastrophe im öffentlichen Nahverkehr. Vor einigen Monaten wurde das Transportsystem der Zehnmillionen-Stadt Santiago de Chile umgestellt. Doch irgendwas ist bei der Planung schief gegangen. Kinder kamen die ersten Tage nicht mehr in die Schule, viele Leute mussten mehrere Stunden Fußmarsch hinter sich bringen, um irgendwie zur Arbeit zu kommen. Nach wie vor herrscht Chaos in der Stadt, weil eigentlich niemand so genau weiß, welcher Bus wohin fährt. Vor drei Tagen wurde der Verkehrsminister Chiles entlassen. Die Bewohner Santiagos platzen vor Wut. „Das Transportsystem ist einfach ein Symbol für das ganze Versagen unserer Regierung“, sagt Rodrigo Oteiza gegenüber jetzt.de. Er gehört zur Studentenorganisation der Universidad de Chile, einer der wichtigsten Hochschulen des Landes. Die Pinguinos haben sich deswegen entschlossen, wieder geschlossen auf die Straße zu gehen. Sie sind unzufrieden mit der Situation im Allgemeinen und mit der Entwicklung im Bildungssektor im Speziellen. Denn seit Dezember hat sich nichts getan. „Wir sind das reichste Land auf dem Kontinent und trotzdem das einzige, in dem es kein allgemeines Recht auf Bildung gibt. Der Staat erlaubt uns zur Schule zu gehen. Er garantiert es uns aber nicht.“ Bildung ist für ihn nur ein Aspekt der gesellschaftlichen Missstände. Die Pinguine werden das Land also in nächster Zeit wohl noch öfter in Bewegung halten. Fotos: dpa, ap