Sprich über mich, Weib!

Wenn Frauen im Film mit Frauen sprechen, und zwar nicht über einen Mann, dann ist das: quasi eine Sensation. Sagt der Bechdel-Test, der Sexismus in Kino und Fernsehen misst. Er ist einfach, durchaus problematisch - und herrlich überraschend.
jakob-biazza
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Illustration: Julia Schubert



Die Schönheit liegt in der Reduktion. Wie immer. Eine einfache Formel. Drei Parameter. Einsetzen, Ergebnis bekommen, danach leben. Entscheidungen sollten so funktionieren. Und funktionieren natürlich doch nie so. Zumindest im echten Leben. Hier natürlich auch nicht. Und doch ist der Ansatz schön. Vielleicht sogar wichtig. In jedem Fall aber überraschend.  

Weil der Bechdel-Test Sexismus in Filmen aufdeckt beziehungsweise genauer, welches Frauenbild die Werke transportieren. Und weil die Ergebnisse so ausfallen: „Harry Potter“ ist eindeutig männlich dominiert. „Dirty Dancing“ auch. „Spiderman“ sowieso. Über James Bond müsste man gar nicht erst reden – gäbe es nicht „Skyfall“ – und auch „Star Trek – Into Darkness“ fällt durch. Dafür bestehen „Die Tribute von Panem“ – und „Iron Man 3“. Überraschung ist gut. Überraschung lässt tradierte Mechanismen erkennen.  

Der Bechdel-Test geht so:  
Gibt es in einem Film  

1) mindestens zwei Frauen (mit Namen – nicht die Kellnerin also, die James Bond einen Wodka Martini bringt), die sich

2) miteinander unterhalten und zwar

3) nicht über einen Mann,

dann ist anzunehmen, dass sie ein essenzieller Teil der Geschichte sind. Der Film kann dann immer noch sexistisch sein, zumindest die männliche Dominanz im Kino ist damit aber zu erfassen.

Die Comic-Zeichnerin Alison Bechdel hat die Idee 1986 aufgebracht. Und gerade haben ein paar schwedische Kinos das Prinzip wieder ausgegraben, um ihr Programm danach zu gestalten oder ihren Zuschauern wenigstens eine Orientierung zu bieten. Vielen hätte das die Augengeöffnet, sagte eine Kinobetreiberin der Nachrichtenagentur AP.  

Die Muster, die die Besucher erkannt haben dürften, gehen so: Wenn Frauen (zumal mehrere) in Filmen große Rollen bekommen, dann:   

1) Ist das schon für sich immer noch eine Überraschung.

2) Passiert es eher, damit sie die Handlung vorantreiben.

3) Wenn sie die Handlung nicht vorantreiben, charakterisieren sie die männlichen Hauptdarsteller.

Wirklich eigenständige Akteure sind sie in allen Fällen nicht.  

Kritiker bemängeln, dass der Test Vieles ausblende. Stimmt. „Gravity“ beispielsweise, lebt auch von seiner (schon eher starken) Hauptdarstellerin, fiele aber durch, weil Sandra Bullock keine zweite Frau hat, mit der sie reden könnte. Egal, worüber. Außerdem sagten die Ergebnisse weder etwas über Qualität, Tonalität oder Geisteshaltung der Filme aus. Auch richtig.  

Der Test reduziert. Und erzeugt genau damit seine Wirkung. Reduktion ist bei Genderfragen ja sonst eher Ursprung denn Lösung des Problems. Hier deckt sie mit drei einfachen Kriterien ein sehr grundlegendes Missverhältnis auf. Das liefert keine Wahrheit. Aber es überrascht. Überraschung ist gut.

Text: jakob-biazza - Foto: dpa

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