Wortschatztruhe: Post Fomatic Stress Disorder

Du denkst, Fomo, also die Angst, etwas zu verpassen, sei schlimm. Dann präsentieren wir dir: die Post Fomatic Stress Disorder - die Erkenntnis, tatsächlich etwas verpasst zu haben. Über ein traumatisierendes Gefühl.
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Leandra Medine, die sehr lustige Autorin des sehr empfehlenswerten Modeblogs The Man Repeller, ist, wie vielleicht nicht jeder weiß, neben ihrer modischen Expertise unter anderem auch Fachfrau für moderne Sozialangstzustände und deren Bezeichnungen. Sei es die FOMO (fear of missing out), die FODO (fear of disappointing others) oder die FOMD (fear of missing documentation) – Medine hat sie alle schon durchdekliniert.

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Illustration: Julia Schubert


... und du hast geschlafen.

Nun ist das menschliche Gehirn ein dunkler Wald, beziehungsweise ein weites Feld und fördert natürlich stets neue Befindlichkeiten zutage. Und so wundert es nicht, dass Frau Dr. blog. Medine bereits ein neues Angst- beziehungsweise in diesem Fall Angstschock-Phänomen als solches erkannt und kurzerhand mit der schönen Abkürzung „PSFD“ versehen hat: Die „Post Fomatic Stress Disorder“. Fomatic leitet sich von FOMO ab. Die Störung bezeichnet daher folgerichtig den Schock, der einen am Tag nach einer Party erfasst, die man trotz innerem FOMO-Grabenkampf - und leider bevor sie richtig gut wurde - verlassen hat.

Und das sieht ungefähr so aus: Du wachst auf, scrollst dich einmal durch Facebook oder Instagram, und da ist sie, deine Crew, die du hast allein weiterfeiern lassen, und chillt mit Mike Tyson auf einer unbekannten Dachterrasse. Untertitel: „YO, und nächste Woche Miami, rollin’ mit Tysons Homiiiiies! #onceinalifetime #newbuddys #yo #foreveryoung #flügeschongebucht #check.“

Es ist Sommer und alle sind schön, wirklich unfassbar schön und glücklich und jung, alles wie im Film, wie mit Soundtrack - und du liegst im Bett und hast alles verpasst.

Das erste Sonnenlicht legt sich auf ihre Gesichter, Anna hat das tolle blaue Kleid an, Flo fliegt das Cap vom Kopf und Mike Tyson zündet Alex die Kippe an. Es ist Sommer und alle sind schön, wirklich unfassbar schön und glücklich und jung, alles wie im Film, wie mit Soundtrack - und du liegst im Bett und hast alles verpasst. Dir wird kalt und heiß und kalt und heiß und du bist hellwach und dir ist kotzübel. Aber nicht, weil du einen Kater hast. Sondern weil du KEINEN Kater hast. Weil du früh ins Bett gegangen bist, während die anderen einfach weitergemacht haben. Was du ja auch noch in Erwägung gezogen hattest, dann aber gelassen hast, weil – ja, warum denn eigentlich?

Du beißt dir ins Handgelenk und tippst das WhatsApp-Symbol auf deinem Smartphone an, denn da hängt eine rote Blase drüber und sie ist 84 ungelesene Nachrichten schwer. Du scrollst sie durch und dir zittern die Hände und dir wird noch ein bisschen kälter und heißer. Man könnte aus den vielen Nachrichten eine Durchschnittsnachricht machen und sie lautete dann in etwa so: „woah, wo bist du, komm wieder her man, wo bist du denn, was los, once in a lifetime night mannnn, was geht, mike tyson buckht uns gxad flüge nach miami, ah hilfe, komm sofort wiede her sonst bist du nix dabei du feeeehlst, wo bist du!!!“

Du bist blass im Gesicht und du spürst es. Viel zu still im Zimmer. Viel zu spät. Es ist elf Uhr morgens. Du hast es verpasst und kannst nichts mehr daran ändern. Sieben Stunden zu spät. Du hättest nicht gehen dürfen, und hast es doch getan und dich sogar gut dabei gefühlt und konsequent, weil du die FOMO nämlich eiskalt besiegt hattest. Aber es war falsch, sie zu bekämpfen, und dumm. Und jetzt sind alle mit Mike Tyson befreundet und fliegen nach Miami, außer dir. Denn du hast geschlafen.

Und dann tippst du ganz langsam eine Antwort in dein Handy. „Ich hab geschlafen“. Löscht es. Schreibst: „Oh neinnnnnnn“. Löscht es. Schreibst: „xhduzdzfueruffvjfbjrjrbjbf“. Löscht es. Und dann fällst du nach hinten um und stapelst alle drei Kissen auf dein Gesicht und beschließt, ja, was beschließt du? Es gibt nichts mehr zu beschließen. Das Schlimmste, was einem chronischen FOMO-Erkrankten passieren kann, ist eingetreten: Der FOMO-Supergau, alias PFSD, Post Fomatic Stress Disorder.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: fsd/photocase.de/rockabella_instagram

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