Wortschatztruhe "Sapiosexuell"

"Sapiosexualität", also Intelligenz geiler als körperliche Attribute zu finden, ist das neueste Tiefsinnigkeitsprädikat in unserer Dating-Gesellschaft. Aber gibt es das wirklich?
charlotte-haunhorst



Eigentlich klingt es traumhaft. Wenn man jemanden hohl findet, muss man zukünftig nicht mehr sagen "Du bist mir zu dumm“, sondern kann sich einfach auf einem charmanteren "Sorry, aber ich bin sapiosexuell“ ausruhen. Der Andere wird dann verständnisvoll nicken und weiterziehen, denn: Kann man ja nix für. Ist ähnlich als hätte man zu einem Typen gesagt: "Sorry, ich steh nur auf Frauen." Soweit die Theorie.

Praktisch ist wie immer alles viel schwieriger. Sapiosexualität - dieser Begriff wird gerade immer häufiger verwendet. Angeblich, um der immer größer werdenden Oberflächlichkeit unserer Dating-Welt wieder etwas entgegenzusetzen. Behaupten zumindest das Zeitmagazin und die Online Enzyklopädie für Psychiatrie und Pädagogik. Dort erfahren wir auch, dass der Begriff  "jene sexuelle Orientierung [bezeichnet], die mehr bzw. vorwiegend auf den Verstand eines anderen Menschen denn auf dessen Körper ausgerichtet ist, wobei die sexuelle Stimulation vor allem durch eine hohe Intelligenz erfolgt.“ Leser mit Lateinkenntnissen hätten diese Definition natürlich gar nicht gebraucht, weil sie ahnen: Das Wort "sapiosexuell“ kommt vom lateinischen "sapere“, also "wissen". Die ersten Sapiosexuellen unter uns sollte nun bereits erregt sein.

Glaubt man den weiteren Schilderungen der Online-Enzyklopädie, geben viele Menschen mittlerweile in ihrem Tinder-, Grindr- oder OKCupid-Profil den Hinweis "sapiosexuell“ an, um sich präventiv des Vorwurf zu erwehren, oberflächliche Sexisten zu sein, die ihre Dates nur nach dem Äußeren auswählen. Denn: Sie erregt nur Intellekt. Warum sie dann trotzdem auf Dating-Apps unterwegs sind, die primär darauf basieren, Menschen anhand von Fotos zu selektieren, erklärt die Enzyklopädie leider nicht. Aber vielleicht wischen die Sapiosexuellen da ja nur Menschen nach links, die sich ebenfalls als sapiosexuell im Profil outen. Was gleichzeitig widersinnig wäre, denn dass jemand auf intelligente Menschen steht, heißt ja nicht automatisch, dass er selbst auch für Sapiosexuelle interessant, ergo selbst intelligent ist.

Bleibt nur die Lösung, dass die Sapiosexuellen alle Menschen nach links wischen um dann im Dialog herauszufinden, wer klug ist. Das klingt aber so unwahrscheinlich, dass man ganz automatisch zu dem Gedanken kommen muss: Diese ganze angebliche Sapiosexualität ist nur ein Feigenblatt, das sich Hipstermenschen auf ihr Dating-Profil klatschen, um tiefsinnig zu wirken. Diese These wird durch den Fakt bestärkt, dass sapiosexuell ein Retrowort ist, das bereits seit 2002 im Urban Dictionary steht - jetzt also gerade wiederentdeckt wird. Sowas mögen junge hippe Menschen ja angeblich, Besinnung auf die echten Werte und so. 

So einfach kann man das alles dann aber leider auch nicht abtun. Denn: Sogar die Wissenschaft interessiert sich für Sapiosexualität. Der Psychologe Geoffrey Miller veröffentlichte 2014 einen im Zeitmagazin zitierten Artikel zum Zusammenhang zwischen Evolution und sexueller Selektion. Er meinte dabei den Beweis erbracht zu haben, dass die Spermaqualität eines Mannes positiv mit seinem IQ korreliert und Männer nur deswegen Humor und Intellekt ausgebildet hätten, um auf die Qualität ihres Spermas hinzuweisen. Sapiosexuelle Frauen zögen also einen Vorteil aus ihrer Sexualpräferenz, da sie sich nur mit Männern paaren würden, die gutes Sperma haben – um das zu erkennen, müssen sie allerdings ebenfalls intelligent sein.

Ist das mit der Sapiosexualität also doch ein unvermeidliches Schicksal? Etwas, das Betroffene von Natur aus zwingt, nur mit klugen Menschen zusammenzutun?

Die Antwortet lautet natürlich: nein. Empirischer Beweis Nummer eins: Evolution bedeutet Veränderung. Wir (oder hoffentlich die meisten unter uns) schließen ja auch nicht mehr Menschen als Partner aus, nur weil ihr Becken nicht gebärfähig wirkt oder er schlecht sieht und uns deshalb kein Wildschwein mehr jagen kann. Zum Glück. Empirischer Beweis Nummer zwei: Einfach mal im eigenen Kopf durchgehen, mit wie vielen Menschen man was hatte, die sehr schön aber vielleicht doch nicht ganz so helle waren. Kann ja gut sein, dass das nicht die Partner fürs Leben waren. Aber man kann zumindest nicht behaupten, man hätte nicht die Wahl gehabt. Und wer noch einen dritten Beweis braucht: Konfrontiert mit der These des guten Spermas bei intelligenten Männern antwortet Sexualforscher Ulrich Clement im Zeitmagazin nur dröge: "Um diese These zu vertreten, braucht es jedenfalls Humor!" Und der muss es ja nun wirklich wissen.



Text: charlotte-haunhorst - Foto: photocase_JoeEsco

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