Wortschatztruhe: "School-to-Prison-Pipeline"

Polizeibeamte, die an amerikanischen Schulen eigentlich für Sicherheit sorgen sollen, verhaften jedes Jahr Tausende von Schülern für Kleinstdelikte wie das Stören des Unterrichts.
jetzt-redaktion
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Illustration: Julia Schubert

Dass Amerika eine sehr eigene Waffenpolitik pflegt, ist bekannt. In vielen Staaten dürfen Bürger in der Öffentlichkeit Waffen tragen. Was der Sicherheit des Einzelnen dienen soll, erleichtert ihm aber auch die Begehung eines Gewaltverbrechen: Die Gefahr, dass jemand mit einer legal erworbenen Waffe einen Amoklauf verübt, zum Beispiel an einer Schule, ist hoch. Um dem vorzubeugen, werden an vielen öffentlichen Schulen Polizeibeamte eingesetzt, die für die Sicherheit der Schüler sorgen sollen. Man nennt sie "School Resource Officers" (SRO).

In einer offiziellen Mitteilung, die sechs amerikanische Schul-Organisationen gemeinsam herausgegeben haben, werden diese School Resource Officers als wertvolle Menschen beschrieben, die den Schülern nicht nur Sicherheit gewähren, sondern ihnen auch moralisches Vorbild amerikanischer Gesetzestreue dienen. Die Realität sieht meist anders aus: Die SROs greifen nicht nur dann ein, wenn es gefährlich wird, sondern auch bei gewöhnlichen Ruhestörungen im Unterricht, Schulhof-Streitigkeiten und anderen harmlosen Alltagsrangeleien, wie sie an Schulen täglich vorkommen. Die SROs mahnen ihre ungezogenen Schüler dann aber nicht nur, sondern verhaften sie oft gleich. Kritiker der SRO-Strategie sprechen daher auch von dieser als einer "School-to-prison-Pipeline": Wer Schüler bei jeder Kleinigkeit abführt, kriminalisiert sie.

Seit dieser Woche bezeugt die Existenz der sogenannten School-to-prison-Pipeline ein Video im Netz. Darin will ein School Resource Officer eine Schülerin im Klassenzimmer abführen, weil sie den Unterricht gestört hat. Einer ihrer Klassenkameraden filmt die Szene. Es sieht so aus, als würde der Officer sie zuerst bitten, aufzustehen. Sie ignoriert ihn. Daraufhin schreitet er zur Tat, packt sie, stößt sie zuerst auf den Boden und zieht sie in eine Ecke des Klassenzimmers, um sie zu verhaften. Er behandelt sie, als sei sie ein schwer bewaffneter Drogenboss.

Was hier passiert, beschreibt das Nachrichtenportal Vox mit den treffenden Worten: "as often happens with law enforcement, resources that are supposed to be used for a rare occurrence often get used for more common occurrences simply because they

 

Im Schuljahr 2011/2012 wurden in ganz Amerika an SRO-bewachten Schulen 92 000 Schüler verhaftet. Auffällig dabei übrigens: Es waren unverhältnismäßig viele Schwarze unter ihnen. Verschiedene Studien wollen das mit "unterbewusster Voreingenommenheit" erklären. In einer von ihnen werden Tests beschrieben, in denen Polizisten in Video-Simulationen auf Verdächtige schießen sollten. Waren diese schwarz, drückten die Polizisten schneller ab.Dominique Oliver, ein schwarzer Elite-Student aus Baltimore, sagt, dass die Ungleichbehandlung durch die Polizei schon im Alltag zu spüren ist: Er kennt keinen Schwarzen, der noch nie von der Polizei kontrolliert wurde. Jedes Mal, wenn er vor die Tür geht, rechnet er damit, kontrolliert zu werden. Durch die School Resource Officers wird der Justiz-Rassismus auch in die Schulen getragen.

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