Freiheit, Gleichheit, Badehose

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Ich interessiere mich für Mode. Wirklich. Man muss es mit Mode nur ganz locker nehmen. Man darf nicht darüber nachdenken, weshalb sich erwachsene Männer im Sommer Schals um den Hals wickeln oder T-Shirts mit Dekolletee tragen und ob das alles einen tieferen Sinn hat. Auch die Frage, wie sich ein physisch voll ausgebildeter Mann in eine Röhrenjeans zwängen kann und wie das später einmal von der Nachwelt bewertet wird, darf man sich nicht stellen. Mode hat keinen Sinn, es ist alles eine oberflächliche Spielerei und wenn man möchte, spielt man eben mit. Wenn man Glück hat, erhöht man dadurch seinen Reiz auf das andere Geschlecht. Ich bin schon viele solcher Risiken eingegangen. Aber nicht alle. Eine Röhrenjeans habe ich nie getragen. Und ich werde auch keine enganliegende Badehose tragen. Letztere noch viel weniger als erstere. Auch, wenn sie jetzt wieder in ist. Vielleicht werden sich die Leser jetzt fragen, warum die enganliegende Badehose wieder in ist. Ich kann das nicht beantworten. Ich habe es eben gelesen, im Internet und in der neuen Ausgabe des Männermagazins „GQ“. Das beantwortet die Frage natürlich noch lange nicht, aber genauso hätte man einen DDR-Grenzsoldaten fragen können, warum denn denn die soziale Marktwirtschaft im Westen so blöd ist. Er hätte geantwortet: Weil ich es eben gelesen habe und weil mein Chef das sagt. Mode hat totalitäre Züge. Einer fängt damit an, der ist der Trendsetter, und alle machen es nach. Erst die „Early Adopters“, dann die „Early Majority“, die „Late Majority" und schließlich die „Laggards“. Die Laggards checken eigentlich gar nichts. Sie kriegen erst etwas mit, wenn es schon wieder vorbei ist. Warum das so ist, weiß niemand. Warum-Fragen kann man in einem philosophischen Diskurs stellen. In der Modewelt aber sind Warum-Fragen vollkommen unangebracht. Es macht deswegen auch gar keinen Sinn zu fragen, warum die Überschrift der dpa-Meldung lautete: „Männer sollen wieder Slips am Strand tragen“ Ich werde keine enganliegende Badehose tragen. Denn dieses Kleidungsstück besitzt eine gesellschaftliche, ich würde sogar sagen eine politische Dimension. Die enganliegende Badehose kann man nicht mit Schals oder T-Shirts mit Dekolletee vergleichen. Das Tragen von Shorts im Schwimmbad (und kurz darauf auch im Trockenen) markierte den Beginn der Pubertät. Die coolen Jungs trugen im Schwimmbad Shorts, die Streber und Spätenwickler zwängten ihre Genitalien weiterhin in enge Kinderhosen. Das Ende der Badehose war für den Träger optisch wie haptisch ein enormer Bequemlichkeitsgewinn! Wer eine Short im Schwimmbad anhatte, war besser geschützt vor schwer kontrollierbaren Funktionen des eigenen Körpers. Nichts zwickte, lugte hervor oder quoll heraus. Alles war gut verstaut und an seinem richtigen Platz. Beim Sprung vom Fünf-Meter-Brett rutschte sie auch nicht über das Gesäß, aufgrund ihres Schnürmechanismus saß sie immer fest. Die Badeshort für den jungen Mann bedeutete einen Zugewinn an persönlicher Freiheit, Souveränität über den eigenen Körper, Schutz vor voyeuristischen Blicken der Frauen. Die Short ist ein männliches Freiheitssymbol. Und ein Freiheitssymbol unterwirft man nicht einfach den Launen irgendwelcher verrückter Modemacher. Je länger ich darüber nachdenke, desto perfider erscheint mir der Mechanismus, der hier am Werke ist. Der Mann soll wieder zum kleinen Jungen degradiert werden. Mit der enganliegenden Badehose wird er seiner Würde beraubt und zum Objekt degradiert. Ich wehre mich hiermit gegen das Diktat der Modeindustrie!

Text: philipp-mattheis - Foto: dpa

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